Anorexia nervosa – Störungsbild
Die Anorexia nervosa (AN), umgangssprachlich Magersucht, ist eine schwere psychische Erkrankung mit restriktiver Nahrungsaufnahme, ausgeprägter Gewichts- und Figurbezogenheit und verzerrtem Körpererleben; sie führt zu Untergewicht mit teils gravierenden somatischen und psychischen Folgen (Jaite et al. 2024).
Diagnostik. Das DSM-5 nennt drei Kernmerkmale: signifikant niedriges Körpergewicht; ausgeprägte Angst vor Gewichtszunahme bzw. dieser entgegenwirkendes Verhalten; sowie eine Störung des Körpererlebens bzw. übermässiger Einfluss von Gewicht und Figur auf die Selbstbewertung. Das frühere Amenorrhoe-Kriterium ist entfallen. ICD-11 und S3-Leitlinie beschreiben analog ein nicht anderweitig erklärbares Untergewicht mit gegensteuerndem Verhalten (Jaite et al. 2024) (Zeeck et al. 2019). Im Kindes- und Jugendalter muss die Diagnostik entwicklungsbezogen erfolgen: Einschätzung des Untergewichts über alters- und geschlechtsspezifische BMI-Perzentilen, somatische Gefährdungsbeurteilung (u. a. Grösse, Gewicht, Puls, Blutdruck), Pubertätsstatus, internistische/neurologische Untersuchung und Labor (Vocks et al. 2019) (Jaite et al. 2024).
Epidemiologie und Verlauf. In der Schweiz erreichen AN, Bulimia nervosa und Binge-Eating-Störung zusammen eine Lebenszeitprävalenz von 3,5 %; AN allein 0,7 % (Frauen 1,2 %, Männer 0,2 %), mit deutlich früherem Beginn als BN/BED (Schnyder et al. 2012, S. 33 u. 38). AN ist stark weiblich überrepräsentiert. Der Verlauf ist heterogen; AN hat unter den psychischen Störungen eine besonders hohe Mortalität (medizinische Komplikationen des Hungerzustands, Suizid), weshalb somatisches Monitoring zentral bleibt (Fichter 2019; Zeeck et al. 2019). Hinweise auf eine Zunahme früh beginnender Formen (early-onset AN, EOAN, teils ab ca. 8 Jahren) liegen vor, mit Erkrankungsgipfeln um 14 und 18 Jahre; spezifische Behandlungs- und Prognosedaten für die jüngste Gruppe sind rar (Ayrolles et al. 2024) (Jaite et al. 2024, S. 22).
Komorbidität. AN tritt selten isoliert auf; häufig sind depressive, Angst- und Zwangsstörungen, teils beginnende Persönlichkeitszüge; depressive Symptome können auch Folge des Starvationszustands sein (Jaite et al. 2024) (Kirschenbauer 2023). In hoch belasteten klinischen Stichproben zeigt sich dies deutlich: In einer spezialisierten Einrichtung wiesen 72,3 % der jungen Frauen Mehrfachdiagnosen auf, 62,7 % eine depressive Störung (Fröhlich-Gildhoff et al. 2023, S. 116 f.).
Verbindungen
- PMT bei Magersucht im Schulalter – der Hub, für den dieses Störungsbild die Grundlage bildet.
- Körperbildstörung bei Anorexie – vertieft das dritte DSM-Kernmerkmal (Störung des Körpererlebens).
- Kontrolle und Autonomie bei Anorexie – die zweite zentrale Störungsdimension neben dem Körpermotiv.
- Index – Psychische Gesundheit – Across: klinische Verortung des Störungsbildes im Feld der psychischen Gesundheit.
Literatur
- Jaite, C., Salbach, H. & Jacobi, C. (2024). Anorexia und Bulimia nervosa im Jugendalter. Kognitiv-verhaltenstherapeutisches Behandlungsmanual. Mit Online-Material (3., neu ausgest. Aufl.). Weinheim: Beltz.
- Herpertz, S., Fichter, M. M., Herpertz-Dahlmann, B., Hilbert, A., Tuschen-Caffier, B., Vocks, S. & Zeeck, A. (2019). S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung der Essstörungen (2. Aufl.). Berlin: Springer.
- Schnyder, U., Milos, G., Mohler-Kuo, M. & Dermota, P. (2012). Prävalenz von Essstörungen in der Schweiz. Im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG). Zürich: Universitätsspital Zürich [USZ], Universität Zürich [UZH].
- Ayrolles, A., Clarke, J., Godart, N., André-Carletti, C., Barbe, C., Bargiacchi, A., Blanchet, C., Bergametti, F., Bertrand, V., Caldagues, E., Caquard, M., Castellotti, D., Delorme, R., Dreno, L., Feneon-Landou, D., Gerardin, P., Guessoum, S., Gicquel, L., Léger, J., Legras, S., Noel, L., Fjellestad-Paulsen, A., Poncet-Kalifa, H., Bat-Pitault, F. & Stordeur, C. (2024). Early-onset anorexia nervosa. A scoping review and management guidelines. Journal of Eating Disorders, 12(1), 182. https://doi.org/10.1186/s40337-024-01130-9
- Fröhlich-Gildhoff, K., Ploch, T., von Hippel, A., Krieglstein, K. & Schuler, L. (2023). Eingangsdaten der Bewohnerinnen einer stationären Jugendhilfeeinrichtung für junge Frauen mit Anorexie (Anorexia nervosa). Perspektiven der empirischen Kinder- und Jugendforschung, Jahrgang 9, Heft 1/2023(17), 101–128. https://fel-verlag.de/artikel/ausgabe-17-jahr-2023-jahrgang-9-heft-1-5/
- Kirschenbauer, H. J. (Hrsg.) (2023). Kinder- und Jugendpsychiatrie für Pädagogik und Soziale Arbeit. Ein Handbuch für die Praxis (2. Aufl.). Bern: Hogrefe. https://doi.org/10.1024/86169-000
Verweise auf diese Seite
- Bewegung bei Anorexie – Dosierung und Sicherheit Zettelkasten
- Interozeption Zettelkasten
- Kontrolle und Autonomie bei Anorexie Zettelkasten
- Körperbildstörung bei Anorexie Zettelkasten
- Psychomotoriktherapie bei Magersucht im Schulalter Zettelkasten
- Trauma- und schamsensibles Vorgehen in der Körperarbeit Zettelkasten