Aufgabe als zentrales didaktisches Element

Das zwölfte Merkmal guten Unterrichts heisst bei Berner, Isler und Weidinger Selbsttätigkeit und Lernaufgaben. Helmke bringt es mit Bezug auf Weinert auf den Punkt: Guter Unterricht ist ein Unterricht, in dem mehr gelernt als gelehrt wird. Dazu braucht es unterrichtliche Angebote für selbstständiges, eigenverantwortliches Lernen – vielfältige Sprech- und Lerngelegenheiten, «Spielräume statt Engführung und authentische Fragen statt Pseudofragen» (2024, S. 31). Was die Lehrperson sagt, prägt den Unterricht weniger als das, was die Schülerinnen und Schüler tun – und das wird durch Aufgaben gesteuert.

Die Lernaufgabe

Als praxisorientierte Vertiefung verweisen Berner et al. auf Jochen und Monika Grells «Rezept Lernaufgabe» (S. 31). In Grells neun Phasen einer Unterrichtsstunde ist die Lernaufgabe das Scharnier zwischen Input und Ergebnissicherung: ein präzise formulierter Auftrag mit Bezug zum vorherigen Input, zur selbsttätigen Bearbeitung in einem definierten Zeitrahmen; die Lernenden arbeiten allein oder in Gruppen, erhalten Zeit zum Abschliessen, danach werden die Resultate präsentiert oder besprochen (S. 37). Selbsttätigkeit bedeutet dabei, dass Lernende für einen bestimmten Zeitraum alleine, zu zweit oder in Gruppen arbeiten, ohne unterbrechende Steuerung durch die Lehrperson – möglich in allen Schulfächern (S. 39). Auch Hausaufgaben eignen sich, das selbsttätige Arbeiten zu fördern (S. 31).

Üben ist auch Aufgabe

Das elfte Merkmal, Konsolidierung und intelligentes Üben, ist die Kehrseite: Basic Skills müssen beherrscht und Fertigkeiten automatisiert werden, damit anspruchsvolle Aufgabenstellungen überhaupt möglich sind – nicht mechanisch, sondern «intelligent», mit passgenauen Übungsaufträgen, gezielten Hilfestellungen und einer hohen Variation von Übungsmöglichkeiten (S. 30 f.). Üben soll oft, aber nicht allzu lange stattfinden, passgenau zum Lernstand, und es betrifft drei Ebenen: Automatisierung (etwa mathematische Algorithmen), Qualitätssteigerung und Vertiefung (etwa Lesekompetenz) und Transfer (S. 39). Für lernförderliche Aufgaben in den einzelnen Fächern hat die Fachdidaktik zentrale Bedeutung (S. 31).

Merkmale guter Aufgaben

Aus diesen Befunden lässt sich eine Arbeitsliste ableiten, die über das Buch hinausgeht: Gute Lernaufgaben sind kognitiv anspruchsvoll, aber bewältigbar; sie sind inhaltlich relevant (kein «Beschäftigungsprogramm»); sie sind klar formuliert mit klaren Erfolgskriterien (Klarheit ist Merkmal 6, S. 29); sie ermöglichen mehrere Lösungswege oder Bearbeitungstiefen (siehe Adaptiver Unterricht – Prinzipien); und sie produzieren Lernspuren, die Lehrperson und Lernende für Feedback nutzen können.

Aufgabenkultur

«Aufgabenkultur» beschreibt das Gesamt der Aufgaben, mit denen Schülerinnen und Schüler typischerweise konfrontiert sind. Der Verdacht, dass an vielen Schulen reproduktive Aufgaben dominieren, und die Forderung, die Aufgabenkultur bewusst zu gestalten – auf Klassenebene wie fach- und schulübergreifend –, sind Gemeingut der Unterrichtsentwicklung; bei Berner et al. steckt beides im Anspruch, Selbsttätigkeit in allen Fächern zu ermöglichen und dafür in den Methodenkapiteln «vielerorts wertvolle Hinweise» zu geben (S. 39). Für die Schulleitung ist die Aufgabenkultur ein Hebel, der über die einzelne Lektion hinausreicht.

Verbindungen

Literatur