Digitalisierung im Unterricht
Die Kernfrage ist nicht, ob digitale Medien lernwirksam sind, sondern unter welchen didaktischen Bedingungen: Digitale Medien treten im Unterricht in drei Rollen auf – als Werkzeug, als Thema und als Ablenkung (Döbeli Honegger 2017, Kap. 5). Das Lernargument («die Nutzung digitaler Medien kann das Lernen fördern», Kap. 4) ist bewusst konditional formuliert – die Wirkung entsteht nicht durch das Gerät, sondern durch dessen Einbettung.
Was die Wirkung entscheidet
- Nicht additiv, sondern integriert: «Falsch ist es, Medien je nach Verfügbarkeit bloss additiv einem herkömmlichen Unterricht beizufügen» – technische Lernhilfen dürfen nicht Selbstzweck sein, sondern müssen «in ein didaktisches Gesamtkonzept passen», das traditionelle und mediengestützte Formen lernzielgerichtet kombiniert (Dubs 2019, S. 293 f.).
- Anleitung vor Selbststeuerung: Selbstgesteuertes Lernen mit Medien ist erstrebenswert, wirkt aber nur nach sorgfältiger Anleitung – Dubs zitiert Cuban (2001) mit 70–80 % Abbrechern beim unvorbereiteten multimedialen Selbstlernen. Und mit Equity-Pointe: «Für schwächere Lernende und Kinder aus unteren sozialen Schichten sollte das angeleitete Lernen länger dauern» (S. 292 f.) – unbegleitete Digitalisierung verschärft Ungleichheit, statt sie zu mildern.
- Neue Bildungsziele verlangen neue Formen: Wenn der Computer das Automatisierbare übernimmt, verschiebt sich der Unterricht aufs Nichtautomatisierbare – Filtern statt Sammeln, Fragen stellen statt nur Antworten geben, Denken in Modellen. Konsequenz bis in die Prüfungskultur: Gehören digitale Kompetenzen zur Allgemeinbildung, müssen «gewisse Prüfungen auch unter Zuhilfenahme digitaler Medien stattfinden» – neben Kompetenzen, die aus Effizienzgründen hilfsmittelfrei sitzen müssen, wie das Einmaleins (Döbeli 2017, Kap. 3).
- Gelingensbedingung WWW: Ohne Wille der Lehrperson, Wissen um die Didaktik und Werkzeuge für alle Lernenden bleibt jedes Digitalisierungsprojekt Stückwerk (Kap. 7).
Relevanz für die Schulleitung
Unterrichtsdigitalisierung ist Unterrichtsentwicklung, kein Beschaffungsprojekt: Sie braucht Ziele (SMART), Erprobungszyklen (PDCA) und planungsintensive Weiterbildung. Für die Infrastruktur gilt Döbelis Doppelregel: Offenheit für Lernende, Zuverlässigkeit für Lehrkräfte (Kap. 8) – eine Technik, die Aufmerksamkeit frisst, untergräbt genau die Didaktik, die sie ermöglichen soll.
Verbindungen
- Leitmedienwechsel nach Döbeli Honegger – die Rahmendiagnose: Warum das Digitale in die Schule gehört (vier Argumente) und die WWW-Formel als Gelingensbedingung.
- Medien und Informatik (Lehrplan 21): Kompetenzen aufbauen – der curriculare Auftrag, den dieser Unterricht einlöst.
- Unterrichtsentwicklung (UE) – Digitalisierung wirkt nur als Teil systematischer Unterrichtsentwicklung, nicht daneben.
- smart-ziele-in-der-schule / pdca-zyklus-schulentwicklung – Werkzeuge, um Medienprojekte von der Anschaffung zur Wirkung zu führen.
Quellennachweis
Döbeli Honegger, B. (2017). Mehr als 0 und 1 (2., durchges. Aufl.). hep. – Werkzeug/Thema/Ablenkung: Kap. 5; Lernargument: Kap. 4; Allgemeinbildung und Prüfungen: Kap. 3; WWW-Formel: Kap. 7; Infrastruktur-Doppelregel: Kap. 8 (ePub ohne Seitenmarker → Kapitel-Belege, s. Leitmedienwechsel nach Döbeli Honegger).
Dubs, R. (2019). Die Führung einer Schule. Steiner. – Didaktisches Gesamtkonzept statt Addition, Cuban-Befund, Anleitung vor Selbststeuerung inkl. Equity-Hinweis: S. 292–294 (Kap. 10). → Zotero
Literatur
- Döbeli Honegger, B. (2017). Mehr als 0 und 1. Schule in einer digitalisierten Welt (2., durchges. Aufl.). Bern: Hep.
- Dubs, R. (2019). Die Führung einer Schule. Leadership und Management (3. vollst. überarb. u. erw. Aufl.). Stuttgart: Steiner.
Verweise auf diese Seite
- Inklusion und Digitalisierung Zettelkasten
- Leitmedienwechsel nach Döbeli Honegger Zettelkasten
- Medien im schulischen Kontext (JAMES-Befunde) Zettelkasten
- Medien und Informatik (Lehrplan 21): Kompetenzen aufbauen Zettelkasten
- Mediennutzung Jugendlicher – JAMES-Befunde Zettelkasten
- Schuladministration und PUPIL@SG Zettelkasten