Medien und Informatik (Lehrplan 21): Kompetenzen aufbauen
Der Lehrplan 21 beantwortet die Frage nach dem Ort des Digitalen mit einer Doppelkonstruktion: Das Modul «Medien und Informatik» trägt eigene Kompetenzaufbauten für die Bereiche Medien und Informatik, während die Anwendungskompetenzen «überwiegend integriert in den Fachbereichen unterrichtet» werden – der Modullehrplan enthält dafür keinen eigenen Aufbau, sondern eine Übersicht mit Fachbereich-Hinweisen (LP21 TG, Modullehrplan M&I, S. 2). Auf Döbelis Reaktionsskala ist das Stufe 3 – sowohl eigenes Gefäss als auch Fächerintegration (eigene Einordnung; der LP21 selbst nimmt auf die Skala keinen Bezug).
Die drei Bereiche
- Medien – Medienbildung und Mediennutzung: vom Werkzeuggebrauch über das Thematisieren erwünschter und problematischer Wirkungen bis zu «allgemeinen, abstrakten Konzepten und Prinzipien»; neben Sachwissen ausdrücklich pädagogische Aspekte (Identitätsbildung, Kreativität, ethische Überlegungen) (S. 5).
- Informatik – «Automatisierung der Informationsverarbeitung»: Daten als symbolische Darstellung verstehen, Abläufe analysieren, Lösungsstrategien als Algorithmen beschreiben (S. 5 f.) – der Lehrplan-Ausdruck dessen, was Döbeli als computational thinking fasst.
- Anwendungskompetenzen – integriert in den Fächern, mit Querverweisen ins Modul (S. 2). Döbelis Unterscheidung von schnelllebigem Produktwissen und langlebigem Konzeptwissen ist hier der didaktische Kompass: Der Lehrplan zielt auf Konzepte, nicht auf Software-Schulung.
Module haben ein begrenztes, nicht durchgehendes Zeitbudget; die Stundentafel definiert die Zeitgefässe, die Schulen flexibel einsetzen können (S. 2) – organisatorischer Gestaltungsraum, der Führung braucht.
Gesamtschweizerische Konvergenz
Die Trias ist kein Deutschschweizer Sonderweg: Der Plan d'études romand führt seit 2021 die «éducation numérique» als eigenständige Disziplin mit den drei Bereichen Médias, Science informatique und Usages (Bildungsbericht 2026, S. 37) – strukturell dieselbe Aufteilung. Die LP21-Einführung verlief kantonal gestaffelt (rund ein Viertel der Kantone in allen Zyklen gleichzeitig, die Mehrheit zyklenweise); Einführungs-Evaluationen liegen u. a. aus St. Gallen, Zug und neu Thurgau, Graubünden und Uri vor (S. 36 f.).
Relevanz für die Schulleitung
- Strategie statt Delegation: Dubs zählt ICT zu den Unterstützungsprozessen, deren strategische Führung die Schulleitung nicht delegieren darf – zwingend zu delegieren sind dagegen die operativen Aufgaben (Dubs 2019, S. 291). Nötig ist ein «ganzheitlicher Aufbau», der Anwendung, Medienbildung und Informatik verbindet, statt punktuellem Vorgehen nach momentanen Kenntnissen der Lehrerschaft (ebd.).
- Weiterbildung ist der Engpass: Der Modul-Kompetenzaufbau steht und fällt mit der Qualifikation des Kollegiums – Döbelis Befund, ICT-Weiterbildung sei «vielfältig und komplex» und erfordere mehr Planung als andere Weiterbildungen, macht sie zum Kollegiumstag- und MAG-Thema.
- Eltern-Schnittstelle: Der Lehrplan zieht die Linie präzise – die erzieherische Verantwortung für die ausserschulische Mediennutzung liegt bei den Eltern, die Schule hat den Bildungsauftrag zur mündigen Mediennutzung; der Austausch dazwischen ist «unabdingbar» (S. 5). Das ist die Vorlage für jeden Medien-Elternabend.
- Lehr-Lernperspektive: Der Lehrplan verlangt die didaktische Integration – Potenziale «situations- und stufengerecht» als Lern- und Lehrwerkzeuge nutzen (S. 4) – und liefert damit die kantonale Rückendeckung gegen reine Geräte-Beschaffungslogik.
Verbindungen
- Leitmedienwechsel nach Döbeli Honegger – die bildungstheoretische Begründung des Moduls: Trias, Konzept- vs. Produktwissen, Reaktionsstufe 3.
- Digitalisierung im Unterricht – die Wirkungsfrage: Ob das Modul Lernen verbessert, entscheidet die Didaktik, nicht der Lehrplan.
- kollegiumstag-checkliste – ICT-Weiterbildung als planungsintensives Kollegiumstag-Thema.
- Mediennutzung Jugendlicher – JAMES-Befunde – die JAMES-Daten liefern die empirische Lebenswelt, auf die der Kompetenzbereich Medien antwortet.
Quellennachweis
Amt für Volksschule Thurgau (2021). Lehrplan Volksschule Thurgau, Modullehrplan «Medien und Informatik». – Modul-Konstruktion, Anwendungskompetenzen integriert, Zeitgefässe: S. 2; Lehr-Lernperspektive: S. 4; Kompetenzbereiche Medien (inkl. Eltern-Passage) und Informatik: S. 5 f. → Zotero (am PDF-Volltext verifiziert; Druckseiten aus den Fusszeilen der Broschüre).
Wolter, S. C. et al. (2026). Bildungsbericht Schweiz 2026. SKBF. – LP21-Implementierung und Evaluationen: S. 36 f.; Plan d'études romand, éducation numérique (Médias/Science informatique/Usages): S. 37. → Zotero
Dubs, R. (2019). Die Führung einer Schule. Steiner. – ICT-Strategie als nicht delegierbare Führungsaufgabe, ganzheitlicher Aufbau: S. 291 (Kap. 10). → Zotero
Döbeli Honegger, B. (2017): Trias, Produkt-/Konzeptwissen, Weiterbildungs-Befund → Leitmedienwechsel nach Döbeli Honegger (Belege nach Kapitel, s. dort).
Literatur
- Amt für Volksschule Thurgau (2021). Lehrplan Volksschule Thurgau. Kanton Thurgau. https://tg.lehrplan.ch
- Wolter, S. C., Albiez, J., Cattaneo, M. A., Denzler, S., Diem, A., Lüthi, S., Oggenfuss, C. & Schnorf, R. (2026). Bildungsbericht Schweiz 2026. Aarau: Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung [SKBF].
- Dubs, R. (2019). Die Führung einer Schule. Leadership und Management (3. vollst. überarb. u. erw. Aufl.). Stuttgart: Steiner.
Verweise auf diese Seite
- Digitalisierung im Unterricht Zettelkasten
- Lehrplan 21 Zettelkasten
- Lehrplan 21 in Zürich, Thurgau und St. Gallen – substanzielle Unterschiede der kantonalen Fassungen Zettelkasten
- Leitmedienwechsel nach Döbeli Honegger Zettelkasten
- Medien im schulischen Kontext (JAMES-Befunde) Zettelkasten