Gladiatoren, Zuschauer und Apathische
Lester Milbrath teilte die Bürger einer Demokratie nach ihrer politischen Beteiligung in drei Gruppen: die wenigen Gladiatoren, die in der Arena um Gestaltungsmacht kämpfen – Politiker, Parteiaktive, Engagierte –, die zahlreichen Zuschauer auf der Tribüne, die interessiert und informiert verfolgen und beurteilen, was unten geschieht, und die Apathischen ausserhalb der Arena, die dem Wettkampf weder folgen noch den Zugang suchen (2013, S. 93). Roland Reichenbach nimmt die Trias, um eine Frage zu stellen, die die Demokratiepädagogik nicht stellt: Wen soll die Schule eigentlich hervorbringen?
Mehr Zuschauer, keine Gladiatoren
Im Diskurs der politischen Bildung gewinne man den Eindruck, das Ziel sei, möglichst viele Schülerinnen und Schüler zu Gladiatoren zu machen oder ihnen das Rüstzeug dazu zu geben. Das Ziel, «sie zunächst zu informierten und interessierten Zuschauern zu machen, die halbwegs verstehen, was in der Arena abläuft, und dazu Stellung nehmen könnten», sei realistischer – und «auf dem Boden der schulischen Realität immer noch schwer genug zu verwirklichen» (S. 93 f.). Die Zuschauer sind, «wenn alles gut geht, die politisch gebildeten Bürgerinnen und Bürger»; es ist nicht primär bedeutsam, ob sie sich engagieren, sondern «dass sie weiterhin observieren und kommentieren». Und dann der Satz, der «educational correctness» nicht verträgt: «Aktiv sein heißt in Bezug auf politische Bildung oder gar Gebildetsein gar nichts, auch gefährliche Dummköpfe können aktiv sein» (S. 98). Gäbe es nur Gladiatoren, wäre das Chaos perfekt – keine Korrekturen, keine Übersicht, keine intelligenten Kommentare, die nur in der vita contemplativa entstehen; dass das demokratische Ethos in der Arena überhaupt verwirklicht wird, «ist v. a. den Zuschauern zu verdanken» (S. 98).
Auch die Apathischen rehabilitiert Reichenbach. Apathie ist in einer Welt der «Aktivitis» ein Schimpfwort, doch meist «eine ungerechte, moralisierende Suggestivdiagnose»: als ob politisch Inaktive generell inaktiv wären und politische Aktivität generell begrüssenswert – «als ob es nicht darauf ankäme, wer mit welchen Zielen und welchen Mitteln politisch aktiv wird» (S. 94). Der Bereich der Apathie ist «ein Universum»; niemand kann sich für alles interessieren, und die normative Überdetermination des modernen Lebens zwingt dazu, «bereichsspezifisch apathisch zu werden» (S. 94). Das demokratische Ethos – die Gewohnheit, Belange argumentativ zu regeln, die man auch mit «Anweisung, Androhung und Befehl» regeln könnte – wird gerade von der apathischen Mehrheit mitgetragen (S. 95).
Demokratische Erziehung ist nicht politische Bildung
Die Trias führt zu einer Unterscheidung, die Reichenbach in einer Tabelle festhält: Demokratische Erziehung gehört zur Rationalitätsform der Moral, zeigt sich im Verhalten und ermöglicht die Grundkonsense des Zusammenlebens; politische Bildung gehört zur Politik, zeigt sich in Urteilen und Handeln und dient der kollektiven Entscheidungspraxis unter Dissensbedingungen (S. 99). Die Schule leistet das erste fast von selbst – «einfach schon deshalb, weil Schule den Geist diszipliniert» (S. 99); die meisten Schulen sind «in vielerlei Hinsicht» längst demokratisch (S. 94 f.). Das zweite verlangt Wissen: über Institutionen, Prozeduren und Strategien, Traditionen, Akteure, Themen und – als höchste Form – über die Differenzen zu anderen Rationalitäten; Reichenbach votiert für den «Primat des Wissensaspektes» (S. 95 f.). Wer beides vermischt, landet bei den Partizipationsstudien mit ihren tausend Items – «Bist du aktiv? Lässt man dich mit entscheiden? … Habt ihr auch Klassenrat?» –, in denen immer klar ist: «Beteiligung ist gut, Abstinenz schlecht» (S. 92), und bei einer Demokratie, die zur «attraktiven Verpackung» einer Liebesmoral wird (S. 93). «Schule ist keine Polis – die Polis gibt es nur zwischen Gleichen und Freien, zwischen Menschen, die sich nicht beherrschen lassen und nicht herrschen, die nicht befehlen können und nicht gehorchen sollen» (S. 95).
Für die Schulleitung
Die Übertragung ist eigene Anwendung. Erstens entlastet die Trias jedes Partizipationskonzept: Ein Klassen- oder Schülerrat, der informierte Zuschauer hervorbringt, hat sein Ziel erreicht; er muss keine Gladiatoren produzieren, und die Schülerinnen und Schüler, die sich nicht melden, sind nicht defizitär (siehe Partizipation von Schüler:innen als Prävention). Zweitens gilt dieselbe Logik für die Elternmitwirkung: Die wenigen Gladiatoren im Elternrat brauchen die Tribüne der Zuschauer und die Apathischen, die ihren Alltag leben – nicht die Klage über mangelnde Beteiligung. Drittens beschreibt die Trias die Schulleitung selbst: Sie ist der Gladiator, der auf mickrigen Grundlagen Stellung beziehen muss, und sie braucht Zuschauer mit Überblick, die kommentieren dürfen, ohne zu entscheiden. Und viertens: Politische Bildung als Wissensvermittlung – Institutionen, Prozeduren, Streitfragen – ist eine Aufgabe des Unterrichts; die demokratische Erziehung geschieht im Schulleben und wird nicht besser, wenn man sie ständig «noch demokratischer» macht (S. 99).
Einordnung
Milbraths Modell ist von 1977 und in der Beteiligungsforschung längst differenziert worden; Reichenbach nutzt es als Denkfigur, nicht als Befund. Seine Polemik gegen die «Aktivitis» hat eine Schlagseite: Dass gerade das Fehlen demokratischer Vorgehensweisen politisiert, räumt er selbst ein (S. 96). Die Stärke der Trias liegt in der Entlastung – sie erlaubt, Beteiligung zu ermöglichen, ohne sie zur Pflicht und Nichtbeteiligung zum Mangel zu erklären. Das ist die Brücke zu den Distanzierungsrechten.
Verbindungen
- Demokratische Bildung – liberal und kommunitär – Arendt gegen Dewey, der grössere Rahmen dieser Trias.
- Partizipation von Schüler:innen als Prävention – Schülerpartizipation, deren Ziel der informierte Zuschauer ist.
- Partizipation und Empowerment – Partizipation als Recht, das die Apathischen nicht diskreditiert.
- Schulleitung als Man of Action – der Gladiator in der Schulleitung.
- Dissenstauglichkeit und Distanzierungsrechte – nicht mitreden müssen als Recht.
- Elternarbeit und Kooperation – Elternmitwirkung ohne Beteiligungsklage.
- Die «eigene Meinung» als Bildungsziel – Urteilskraft vor Handlungskompetenz, auch in der politischen Bildung.
Literatur
- Reichenbach, R. (2013). Für die Schule lernen wir. Plädoyer für eine gewöhnliche Institution. Seelze: Kallmeyer in Verbindung mit Klett. – Partizipationsstudien und ihre Items S. 91 f.; Liebesmoral S. 93; Milbraths Trias, Zuschauer als Ziel S. 93 f.; Aktivitis, Suggestivdiagnose, Universum der Apathie S. 94; Schule keine Polis, demokratisches Ethos S. 94 f.; Primat des Wissens S. 95 f.; Fehlen demokratischer Vorgehensweisen politisiert S. 96; gefährliche Dummköpfe, Verdienst der Zuschauer S. 98; Tabelle 1, Geist diszipliniert, nie faulende Frucht S. 99. Druckseite = PDF-Seite − 2.
Verweise auf diese Seite
- Dissenstauglichkeit und Distanzierungsrechte Zettelkasten
- Roland Reichenbach Namen
- Schulleitung als Man of Action Zettelkasten