Schreiben hilft lesen

Sprache ist die vielleicht wichtigste Grundlage der Kultur. Beides ist in uns: Sprache als evolutionär angelegter Schaltkreis in unserem Gehirn, Kultur als ihre geistige Entfaltung. Schrift hingegen ist eine fünftausend Jahre junge Errungenschaft der Zivilisation und damit ein Ding ausserhalb von uns. Dass sie als «Kulturtechnik» bezeichnet wird, ist womöglich ein Kategorienfehler. Zutreffend ist hier das Grundwort «Technik» als etwas Externes. Deshalb lernen wir das Sprechen praktisch von selbst, lesen und schreiben jedoch nicht ohne Anleitung und Anstrengung. Das Gehirn hat dafür schlicht kein eigenes Organ und nutzt Regionen, die eigentlich für das Formenerkennen da sind (Dehaene 2013, S. 3). So entwickeln wir als Kinder in uns zunächst mühelos eine kleine, gehörte Welt. Dann kommt der schwierige Teil, wenn Hörensagen eines Tages nicht mehr reicht. Plötzlich wird die Schrift unser mächtigstes Instrument. Und das Lesen ermöglicht verlässlich die Verbindung von der äusseren zur inneren Welt. Das zum Wert des Lesens.

Lesen und Schreiben sind zwei Seiten derselben Medaille. Die Reihe zur Lesekompetenz hat eine Frage praktisch offen gelassen: Hat die Primarschule das sorgfältige Schreiben – Schönschrift, Rechtschreibung, Korrektur – irgendwie schleifen lassen? Und wenn, was bedeutet das fürs Lesen? Diesen Fragen geht der Beitrag nach, in drei Schritten:

  1. Was gibt die Schule heute vor, und warum?
  2. Was weiss die Forschung darüber, was Rechtschreibung, Korrektur und Handschrift für das Lesen tun?
  3. Was ist dran an der Behauptung, die Schule habe es schleifen lassen?

Die Haltung, mit der dieser Beitrag geschrieben ist, steht am Schluss, gekennzeichnet.

Was die Schule vorgibt

Wer glaubt, in der Primarschule würden Fehler nicht mehr korrigiert, findet im Lehrplan den Gegenbeleg – und zugleich den Grund für den Eindruck. Der Zürcher Lehrplan 21 verlangt, dass Kinder «in einer persönlichen Handschrift leserlich und geläufig» schreiben und eine Schreibflüssigkeit entwickeln, die «genügend Kapazität für die höheren Schreibprozesse» lässt. Schon in der ersten Klasse sollen sie das Alphabet «mit optimalen Abläufen geläufig schreiben» (Bildungsdirektion des Kantons Zürich 2017, D.4.A, S. 32). Verlangt werden Rechtschreibregeln und Fehlersensibilität – aber in Stufen.

In der ersten und zweiten Klasse zählen «lautgetreue Schreibweise, Wortgrenzen, Eigennamen und konkrete Nomen gross, Satzanfang gross, Punkt am Satzende» (D.4.F, S. 37). Die Kinder «verschriften Wörter daher lautlich vollständig, wenn auch nicht immer orthografisch korrekt», und die einzige Regel dieses Zyklus ist die sp-/st-Regel (D.5.E, S. 43). Erst ab der dritten Klasse kommen ie, ck und tz, f und v, der Doppelkonsonant, die Grossschreibung abstrakter Nomen und die Kommas dazu. Und: Die Kinder sollen «die Bereitschaft» zeigen, «ihren Text auf Fehler hin durchzulesen» (D.4.F, S. 37).

Der «Zeitplan», welche Fehler auf welcher Stufe korrigiert werden, ist also keine Erfindung von Einzelschulen, sondern der Lehrplan selbst. Die Korrekturregel dazu stammt vom Zentrum Lesen der Fachhochschule Nordwestschweiz und heisst lernstandsbezogene Korrektur: Die Lehrperson korrigiert, was dem Lernstand entspricht, und die Kinder «können das korrigieren, was ihrem Lernstand entspricht». Die Elternbroschüre, die das Zentrum Lesen im Auftrag der Zürcher Bildungsdirektion verfasst hat, stellt die beiden Bilder gegenüber: «Vollkorrektur, die das Lernen nicht unterstützt» und «Rechtschreib-Korrektur, die dem Lernstand entspricht» (Sturm, Lindauer und Neugebauer 2017, S. 1 und 3). Die wissenschaftliche Begründung liefern Schmellentin und Lindauer als «Plädoyer für einen systematischen Umgang mit Rechtschreibfehlern». Sie grenzen sich ausdrücklich von der Pressedebatte ab, in der eine Methode «Schreiben nach Gehör» den Lehrpersonen angeblich verbiete, Fehler zu korrigieren (Schmellentin und Lindauer 2019, S. 2).

Zwei Regierungen haben die Linie auf parlamentarische Anfragen hin bestätigt:

Das Nichtkorrigieren ist also die Karikatur, nicht die Vorgabe. Was die Vorgabe tatsächlich tut, ist etwas anderes: Sie verschiebt. Sie lässt im ersten und zweiten Schuljahr das lautgetreue Schreiben zu und beginnt die Regeln im dritten. Ob das richtig ist, ist eine Frage an die Forschung.

Der Streit um den Anfang

Umstritten ist nicht die Stufung an sich, sondern die Methode des Anfangs – das Schreiben nach Gehör ohne Korrektur, das auf Jürgen Reichens «Lesen durch Schreiben» zurückgeht. Die Bonner Studie mit 3084 Grundschulkindern aus zwölf Schulen kam 2018 zu einem deutlichen Ergebnis: «Am Ende des 4. Schuljahrs machten Lesen durch Schreiben-Kinder 55% mehr Fehler als die Fibel-Kinder. Bei den Kindern, die mit der Rechtschreibwerkstatt gelernt hatten, waren es 105% mehr Fehler als bei den Fibel-Kindern.» (Kuhl und Röhr-Sendlmeier 2018, S. 1 und 5). Die Medienwelle, die darauf folgte, führte zu Methodenverboten: «Die Bildungsdirektionen der Kantone Nidwalden und Aargau haben die Unterrichtsmethode ‹Schreiben nach Gehör› verboten» (Stadtrat von Luzern 2019, S. 1).

Die Gegenstimmen sind ernst zu nehmen. Brügelmann hält der Bonner Studie vor, der Unterricht sei nicht beobachtet und die Lehrpersonen nicht befragt worden, weshalb nicht nachvollziehbar sei, wie weit die auf dem Papier verglichenen Ansätze dem tatsächlichen Unterricht entsprachen (Brügelmann 2020, S. 3). Und die Metaanalyse, auf die sich der Zürcher Regierungsrat stützte, sagt zwei Dinge, die nur zusammen stimmen: Funke fand 2014 über alle Stichproben, dass die Lesen-durch-Schreiben-Klassen «in Klassenstufe 2-4 signifikant schlechtere Rechtschreibleistungen als die Fibelklassen» erreichten (Funke 2014, S. 28), fügte aber gleichenorts an, «dass eine schlechtere Rechtschreibleistung von Lesen durch Schreiben-Klassen gegenüber Fibelklassen in Klassenstufe 2-4 bei gleichen Eingangsvoraussetzungen derzeit nicht belegt ist» – samt Zusatz, der Befund sei mehrdeutig (S. 35). Der Regierungsrat übernahm indes nur den zweiten Satz. Ehrlich gelesen heisst Funke: Die Kinder, die ohne Korrektur begonnen haben, schreiben schlechter – ob die Methode daran schuld ist oder die Klassen, in denen sie gewählt wurde, war 2014 nicht festzustellen. Die Bonner Zahlen von 2018 sind der jüngere und grössere Befund, und sie zeigen in dieselbe Richtung.

Was die Zahlen sagen – und was nicht

Ob die Rechtschreibung der Schweizer Kinder gesunken ist, misst niemand. Es gibt zwei Querschnitte auf zwei Stufen: Am Ende der Primarstufe erreichten 2017 in der Deutschschweiz 84,4 Prozent die Grundkompetenz in Orthografie (Konsortium ÜGK 2019, S. 88–89). 2023 waren es am Ende der Sekundarstufe I 84 Prozent (Erzinger et al. 2025, S. 25–26). Zwei Tests, zwei Stufen, keine Reihe.

In Deutschland gibt es hingegen eine Reihe, und sie fällt: Der Anteil Viertklässlerinnen und Viertklässler, die in Orthografie den Mindeststandard verfehlen, stieg von 22 Prozent (2016) auf 30 Prozent (2021). Im Lesen verfehlt ihn knapp ein Fünftel, in der Rechtschreibung knapp ein Drittel (Stanat et al. 2022, S. 55 und 57). Und was Rechtschreibunterricht bewirkt, ist gemessen: Hattie bilanziert Rechtschreibprogramme mit d = 0,53 und Schreibprogramme mit 0,53 – dieselbe Grössenordnung wie Strategietraining –, Handschriftunterricht nach Santangelo und Graham mit 0,59 (Hattie 2023, S. 249).

Das heisst für die Schweiz: Wer behauptet, die Rechtschreibung der Kinder sei schlechter geworden, hat dafür keine Datengrundlage. Wer hingegen sagt, systematischer Rechtschreibunterricht wirke, kann starke Belege anführen.

Warum das Schreiben das Lesen trägt

Der Mechanismus ist bekannt, und er hat einen Namen: orthographic mapping. Wer ein Wort richtig schreibt, legt seine Buchstabenfolge im Gedächtnis ab, und dieselbe Ablage erkennt das Wort beim Lesen wieder: «An important consequence of orthographic mapping is that the spellings of words enter memory and influence vocabulary learning, the processing of phonological constituents in words, and phonological memory» (Ehri 2014, S. 7). Die Metaanalyse von Graham und Hebert für die Carnegie Corporation zieht daraus drei Empfehlungen:

  1. Über Gelesenes schreiben.
  2. Das Schreiben lehren.
  3. Mehr schreiben lassen.

Das Schreiben über gelesene Texte – Zusammenfassungen, Notizen, Antworten auf Fragen – hebt das Leseverstehen mit d = 0,40, mehr als reziprokes Lehren oder Wortschatzunterricht. Und: «Spelling instruction had a moderate and consistent impact on improving students’ word reading skills» (Graham und Hebert 2010, S. 5, 13 und 20). Heisst also: Was die Kinder schreiben, lesen sie besser.

Eine Einschränkung gilt für alles, was aus dem englischen Sprachraum kommt: Deutsch ist eine flache Orthografie, in der Buchstaben und Laute einander weitgehend entsprechen. Kinder der meisten europäischen Länder lesen vor Ende des ersten Schuljahrs genau und flüssig, im Englischen dauert das mehr als doppelt so lang (Seymour, Aro und Erskine 2003, S. 143). Das Schweizer Leseproblem ist darum nicht das Entziffern – das ist in der zweiten Klasse gelöst, wie die Flüssigkeitsforschung zeigt –, sondern Niveau 2: einen mittellangen Text verstehen. Und genau dort setzt der stärkste der drei Hebel an, das Schreiben über Texte.

Und die Hand?

Die Hirnforschung hat der Handschrift Rückenwind gegeben. Vorschulkinder, die Buchstaben von Hand geschrieben hatten, aktivierten beim späteren Erkennen der Buchstaben die Leseregion stärker als Kinder, die sie ohne Schreiben gelernt hatten (James und Engelhardt 2012, S. 34). Beim Schreiben von Hand ist das Gehirn Erwachsener weit stärker vernetzt als beim Tippen: «When writing by hand, brain connectivity patterns were far more elaborate than when typewriting on a keyboard». Die Autoren verlangen, dass Kinder von früh an in der Schule von Hand schreiben (Van der Weel und Van der Meer 2024, S. 1). In einer randomisierten Studie mit Erstklässlern, die langsamer schreiben lernten als ihre Klasse, brachte zusätzlicher Handschrift- und Rechtschreibunterricht grössere Fortschritte in Schreibflüssigkeit, Leserlichkeit, Rechtschreibung und Satzbau (Graham, Harris und Adkins 2018, S. 1273).

Von Hand bedeutet aber nicht automatisch besser. Zwei Studien bremsen. Bei 175 Schweizer Drittklässlern, deren Handschrift schon zu Beginn flüssig war, brachte ein Handschrifttraining keinen weiteren Fortschritt: «As handwriting automaticity … was already high at the beginning of the study, the intervention was not able to improve it further. In consequence, an intervention effect on the quality of composed texts was not observed» (Hurschler Lichtsteiner, Wicki und Falmann 2018, S. 1295–1296). Und bei 87 Kindern, die neue Wörter entziffern lernten, sagten Feinmotorik und Arbeitsgedächtnis den Lernerfolg voraus – Kinder mit eingeschränkter Feinmotorik lernten am besten, wenn sie tippten (Suggate et al. 2023, S. 1). Die Handschrift gehört zum Lesenlernen, weil sie die Buchstaben in die Hand und ins Gehirn legt – wo sie einmal flüssig ist, trägt mehr Training nicht weiter, und wo die Hand nicht kann, hilft die Tastatur. Der Lehrplan verlangt beides: die Handschrift und die Tastatur, ab dem ersten Zyklus (Bildungsdirektion des Kantons Zürich 2017, D.4.A, S. 32).

Was bleibt, und was wir meinen

Was man sagen kann:

Was nicht belegt ist: dass die Schweizer Primarschule davon abgerückt wäre. Der Lehrplan verlangt Handschrift, Regeln und Fehlersensibilität, gestuft. Ob die Praxis darunter liegt, misst niemand, und zu den Methoden des Anfangs werden keine Daten erhoben.

Nun die Haltung dieses Beitrags: Stufung ist richtig, Verschiebung ist falsch. Dass ein Erstklässler «Fogel» schreiben darf, ist vertretbar – dass es ein Zweitklässler immer noch darf, ist nach den Bonner Zahlen unhaltbar. Schönschreiben und Fehlerkorrektur vom ersten Schuljahr an haben Querschnitteffekte, die über das Fach hinausreichen – aufs Lesen, auf die Sorgfalt, auf das Selbstbild des Kinds –, und sie sind der Schule in den letzten zwanzig Jahren vom Lehrplan nicht «genommen» worden. Vielmehr sehen wir eine Praxis, die «lernstandsbezogen» einfach in «später» umgedeutet hat. Das ist eine Meinung, und sie steht hier als solche. Belegen liesse sie sich mit dem, was uns fehlt: einer Rechtschreibreihe und einem ehrlichen Blick in die Klassenzimmer.

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Literatur

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