Entscheidungsprozess (Kuhn)

Rolf Kuhn (2016) gliedert komplexe Entscheidungsprozesse in drei Räume: einen Erkundungsraum (lageorientiert), einen Möglichkeitsraum (realisierungsorientiert) und einen Gestaltungsraum (handlungsorientiert). Die Räume werden nicht streng linear durchlaufen, sondern iterativ – wer Entscheidungen verantwortet, wechselt zwischen ihnen, wenn neue Informationen auftauchen oder Annahmen sich verändern. Das Modell unterscheidet konsequent zwischen Zielentscheidung (was wollen wir erreichen?) und Wegentscheidung (wie kommen wir dorthin?) – ein Schnitt, der in der Praxis häufig kollabiert und Entscheidungsprozesse vorzeitig verengt.

Kuhn hat das Modell ursprünglich 2016 im Sammelband Lateral führen publiziert und 2021 im Beitrag «Heisst Führen Entscheiden?» (Sammelband Zwischen Expertise und Führung, hrsg. von Thomann et al.) erneut aufgegriffen und auf Schulleitungs- und Führungskontexte zugespitzt.

1. Erkundungsraum

(lageorientiert)

Der Erkundungsraum dient der Auseinandersetzung mit der Situation. Hier wird nicht entschieden, sondern verstanden: Worum geht es eigentlich? Welche Stakeholder sind betroffen? Welche Daten, Erfahrungen und Mandate stehen im Hintergrund? Schulleitungen, die diese Phase überspringen, riskieren Entscheidungen, die formal richtig, situativ aber unangemessen sind.

2. Möglichkeitsraum

(realisierungsorientiert)

Der Möglichkeitsraum öffnet das Feld: Was wäre wünschenswert? Welche Wege führen dorthin? Hier braucht es zugleich Phantasie (für Optionen) und Realismus (für die Folgen). Am Ende steht die Zielentscheidungwas angestrebt wird, ist geklärt; wie erst im nächsten Raum.

3. Gestaltungsraum

(handlungsorientiert)

Der Gestaltungsraum übersetzt die Zielentscheidung in eine Wegentscheidung und konkrete Umsetzungsschritte. Hier wird der «Preis» einer Entscheidung sichtbar: Jede gewählte Option schliesst andere aus, jede Realisierung bindet Ressourcen und schafft Verbindlichkeiten.

Relevanz für die Schulleitungspraxis

Das Drei-Räume-Modell ist insbesondere bei komplexen Entscheidungen hilfreich – Personalfragen, Konfliktfällen (Konfliktmanagement an Schulen), Schulentwicklungsprozessen – weil es das Risiko mindert, vorschnell in den Gestaltungsraum zu springen, bevor die Lage erkundet und Optionen geklärt sind. Es passt anschlussfähig zu reflexiven Führungsmodellen (Reflexive Praxis der Schulgemeinschaft) und zur Doppelrolle der Schulleitung zwischen Strategie und Operation. Auch in Mitarbeitergesprächen hilft die Räume-Logik, das Gespräch nicht vorschnell auf Massnahmen zu lenken, sondern erst gemeinsam Lage und Möglichkeiten zu erkunden.

Verbindungen

Quellennachweis

Primärquelle (Modell und Abbildung S. 76):
Kuhn, R. (2016). Kollektive Entscheidungsprozesse gestalten. In G. Thomann & F. Zellweger (Hrsg.), Lateral führen: Aus der Mitte der Hochschule Komplexität bewältigen (S. 69–80). Bern: Hep. → kuhn-2016-kollektive-entscheidungsprozesse-gestalten-i7zkrd8y

Sekundärquelle (erneute Verwendung in Schulleitungskontext):
Kuhn, R. (2021). Heisst Führen Entscheiden? In G. Thomann, N. Anderegg, S. Kaap-Fröhlich & H.-P. Karrer (Hrsg.), Zwischen Expertise und Führung: Entscheidungen treffen – Laufbahn gestalten – Unerwartetes bewältigen (S. 40–54). Bern: Hep. → Thomann et al. (2021) · kuratierte Literaturnotiz: Thomann et al. (2021)

Literatur