Zivilität und Anstand als Schulaufgabe

Was lernt man in der Schule, das man nirgends sonst so lernt? Roland Reichenbach antwortet mit einer These, die im Kompetenzdiskurs keinen Platz hat: «Die Schule ist nur bedingt eine pädagogische Institution … Zum pädagogischen Sinn der Schule gehört die Förderung des Gemeinsinns und – noch fundamentaler – der Zivilität» (2013, S. 22). Das Faktum, dass in der Schule nicht einzelne Kinder, sondern Gruppen unterrichtet werden, die viel Zeit miteinander verbringen, ist für ihn pädagogisch und gesellschaftlich «von größter Bedeutung» (S. 22) – und die Schule ist «der vorzügliche Ort», an dem Zivilität, Gemeinsinn und geteilte Intentionalität gelernt und geübt werden (S. 22).

Was Zivilität ist

Zivilität ist nicht Moral, aber deren «Vorstufe» und «Vorbedingung»: die fundamentale Anerkennung, dass der andere existiert und ein möglicher Interaktionspartner ist (S. 25, mit Fumat). Sie ist auch nicht Gemeinsinn und zielt nicht auf ihn. Die Individuen begegnen sich, gehen einander aus dem Weg, kontrollieren ihre Begegnungen mit Höflichkeitsfloskeln – und schaffen dabei, unabhängig vom eigenen Wollen, «eine gemeinsame Welt, eine vorrechtliche Ordnung, ohne die Recht und Institution undenkbar wären» (S. 25). Das zivile Wissen ist implizit; es wird erst manifest, wenn Anstandsnormen verletzt werden. «Dass es ohne Zivilität keine Sicherheit geben kann, keine Moral, kein Recht und keine Politik, weiß man. Doch dieses Wissen gehört unter anderem im Bereich pädagogischer Theorie zu den heute ignorierten und missverstandenen Selbstverständlichkeiten» (S. 26).

Reichenbach rehabilitiert mit Kant und Thomasius die Sitte gegen die «aufklärerische Geringschätzung der gesellschaftlichen Umgangsformen» (S. 24). Kant wusste, dass die Moralisierung, das vierte Stadium seiner Erziehung, «keine gesellschaftliche Realität besitzt»; «Höchstens der Zustand der Zivilisierung, d.h. des anständigen Umgangs zwischen den Menschen, die sich nicht kennen, kann erwartet werden» (S. 24). Thomasius: Die Sitte fördert nicht das wirklich Gute, «aber doch das mittlere Gute», und verhindert «mittleres Übel» – und der Alltag besteht vor allem aus beidem. «Deshalb hat anständiges Verhalten im Alltag eine besondere Bedeutung» (S. 24 f.). Wo es lebensweltlich nicht mehr gelernt wird, ist es «vorzüglich die Schule, in der anständiges Verhalten gefordert, gefördert und eingeübt werden kann und muss» (S. 25).

Anstand ist Abstand

Zivilität ist die Kunst des richtigen Abstands: kalkulierte Unaufmerksamkeit, kein Anstarren, keine zu sensible Nähe; der andere muss sein Gesicht bewahren können (S. 28 f.). Zum anständigen Menschen gehört, «fünf gerade sein zu lassen» und «ein Auge zudrücken» zu können, weil er weiss, «dass die Wahrheit nicht nur aufklärt, sondern auch zerstört» – auch die «Vorurteile, die das Leben menschlicher machen» (S. 29). Und dann der Satz, der jede Kultur der Offenheit zum Nachdenken zwingt: «Voll- und daueraufrichtige Gesellschaften wären unfreundliche Verbände von authentischen Antipathie-Molekülen. Offenheit und Wahrhaftigkeit halten im Grunde überhaupt nichts zusammen, auch keine modernen Gesellschaften» (S. 30). In höflichen Verbänden geht es oft nicht um das Gute, Schöne und Wahre, sondern um «das Schickliche, Gefällige und Angemessene, d.h. um sozialverträgliche Arrangements unter suboptimalen Ausgangsbedingungen» (S. 30).

Zivilität und Gemeinsinn stützen sich gegenseitig (S. 30). Der Gemeinsinn – Kants drei Maximen, selbst zu denken, an der Stelle jedes anderen und mit sich einstimmig – ist eine Fähigkeit, die «entwickelt, geübt und erworben werden muss, durch das Denken und Nachdenken selber», und die Schule übernimmt darin «eine für moderne Gesellschaften konstitutive Rolle im Erwerb der allgemeinen Gesellschaftstauglichkeit ihrer Mitglieder» (S. 31, 35; dazu Urteilskraft – reflektierend und bestimmend).

Für die Schulleitung

Die Übertragung ist eigene Anwendung. Erstens gehören Höflichkeitsformen, Rituale und Regeln nicht zum Beiwerk der Klassenführung, sondern zu ihrem Gegenstand – sie sind die vorrechtliche Ordnung, die jedes Reglement voraussetzt; Reichenbach nennt die Disziplinierung die «Herstellung einer gewissen Ordnung, welche für das Kind Vorhersagbarkeit und Sicherheit ermöglicht» (S. 79 f.). Zweitens ist Schulkultur zu einem grossen Teil Zivilität: die Art, wie man sich im Schulhaus grüsst, wie man über Abwesende spricht, was man nicht sagt. Drittens hat der Satz über die daueraufrichtigen Gesellschaften eine Adresse im Teamzimmer: Eine Feedbackkultur, die Offenheit zur obersten Tugend erklärt, verwechselt Zivilität mit Verschleierung. Diskretion, Takt und das zugedrückte Auge sind in der Zusammenarbeit keine Feigheit, sondern die Bedingung, unter der Kritik überhaupt ankommt.

Einordnung

Reichenbach argumentiert konservativ-republikanisch, mit Sennett und Elias, und er weiss, dass «Anstand» als «konservativ oder bieder anmutend» gilt (S. 26). Wer die Schule als Ort der Emanzipation und der authentischen Begegnung versteht, wird die These als Rückfall lesen. Ihre Stärke liegt darin, dass sie erklärt, warum die «weichen» Ziele der Schule – Sozialverhalten, Umgangsformen – nicht Beiwerk der Kompetenzen sind, sondern die Ordnung, in der Kompetenzen überhaupt erworben werden können. Die Präventionsprogramme, die hier beschrieben sind, verfolgen dasselbe Ziel mit anderen Mitteln; Reichenbach gibt ihnen die Begründung, die sie meist nicht haben.

Verbindungen

Literatur