Edward Deci und Richard Ryan

US-amerikanische Psychologen an der University of Rochester – Edward L. Deci (1942–2026), Sozialpsychologe und langjähriger Leiter des dortigen Human Motivation Program, und Richard M. Ryan, klinischer Psychologe, heute an der Australian Catholic University –, Begründer der Selbstbestimmungstheorie (Self-Determination Theory, SDT), bekannt für die drei psychologischen Grundbedürfnisse Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit und für den Nachweis, dass Belohnung das Interesse untergraben kann.

Wer in einer Sitzung «Deci und Ryan» sagt, meint fast immer die Selbstbestimmungstheorie – und in einer Schulleitungsrunde meist ihre Führungsfrage: Wird ein Kollegium autonomieunterstützend oder kontrollierend geführt, und was macht das mit seiner Motivation?

Wofür der Name steht

Selbstbestimmungstheorie – die empirisch am besten gestützte Motivationstheorie der letzten fünfzig Jahre. Ihr Kern ist ein Wechsel der Frage: nicht wie viel jemand motiviert ist, sondern aus welcher Quelle; SDT «differentiates types of motivation along a continuum from controlled to autonomous» (Ryan und Deci 2017, S. 3). Drei angeborene Bedürfnisse tragen die autonome Seite – Autonomie, Kompetenz, Verbundenheit –, und ein Umfeld, das eines von ihnen dauerhaft verletzt, erzeugt Rückzug oder Widerstand. Das Kontinuum der Regulation zeigt, dass extrinsische Motivation verinnerlicht werden kann, von der Pflicht über das schlechte Gewissen bis zur Überzeugung. → Selbstbestimmungstheorie

Intrinsische Motivation und ihr Untergrabungseffekt – Decis Experiment von 1971 zeigte, dass bezahlte Rätsellöser nach der Bezahlung weniger Interesse hatten als unbezahlte; daraus wurde die kognitive Evaluationstheorie, die erste Teiltheorie der SDT. Ihr Satz: Ereignisse wirken auf die intrinsische Motivation über ihre funktionale Bedeutung – ob sie als Kontrolle oder als Information erlebt werden (ebd., S. 130). Wer «Deci und Ryan» in einer Diskussion über Sticker, Prämien, Vergleichstests oder Lob sagt, meint diese Bedeutung. → Intrinsische Motivation

Autonomieunterstützung gegen Kontrolle – das Führungskonzept, das aus beidem folgt: die Perspektive der anderen verstehen, Wahl und Initiative stützen, informierend statt bewertend zurückmelden, Vorgaben begründen. Lehrpersonen, die so unterrichten, haben innert Wochen neugierigere Klassen; Führungskräfte, die so führen, Mitarbeitende, die den Wert ihrer Arbeit verinnerlichen (ebd., S. 161, 532). Hier ist das die Theorie unter Zug vor Druck, der Feedback-Kultur und den Wahlmöglichkeiten.

Wie der Name hier fällt

Fünf Beiträge nennen Deci und Ryan; alle sind jung, denn SDT war hier bis September 2026 abwesend – die Motivationsbeiträge liefen über Erwartung-mal-Wert-Modelle und über die Lernpsychologie von Berner, Isler und Weidinger, die sich ihrerseits auf die Triade stützen (Lernmotivation – Quellen und Dynamik). Drei Verwendungen:

  1. Als Theorie der Führung: Was Radnitzky, Rolff und die Feedback-Forschung in verschiedenen Sprachen sagen, erhält in der Selbstbestimmungstheorie eine gemeinsame Erklärung – Zielvereinbarung als identifizierte, Zielvorgabe als externe Regulation; Rückmeldung, die informiert, statt zu kontrollieren.
  2. Als Theorie des Lernens: Intrinsische Motivation als Pol des Kontinuums, die Untergrabung durch Belohnung, Bewertung und Aufsicht, die Wahl als Nährstoff, die optimale Herausforderung.
  3. Als Gegenüber zu Bandura: Deci und Ryan meinen mit Autonomie ein Bedürfnis, Bandura bestreitet Autonomie als Unabhängigkeit – beide haben recht, weil sie Verschiedenes meinen (Human Agency nach Bandura).

Was nicht von Deci und Ryan stammt. Die Erwartung-mal-Wert-Modelle (Eccles und Wigfield) und Eulers Stufen der Lernmotivation sind eigene Linien; Banduras Selbstwirksamkeit ist mit dem Kompetenzbedürfnis verwandt, nicht identisch; Csikszentmihalyis Flow ist eine Nachbartheorie, der die Autonomie fehlt. Das deutsche Wort «Korrumpierungseffekt» ist eine Übersetzung der Rezeption, nicht ihr Begriff. Und die Formel «intrinsische Motivation fördern» verfehlt ihre Theorie: Der Alltag läuft über Verinnerlichung, nicht über Interesse.

Was im Korpus liegt. Das Standardwerk Self-Determination Theory (2017), der Gründungsband Intrinsic Motivation and Self-Determination in Human Behavior (1985), das Handbook of Self-Determination Research (2002) sowie die Aufsätze The «What» and «Why» of Goal Pursuits (2000) und Intrinsic and Extrinsic Motivation from a Self-Determination Theory Perspective (2020), alle als Volltext. Am Volltext gelesen sind aus dem Standardwerk die Kapitel 1, 5 bis 8, 10 sowie Teile von 14 und 21 und der Aufsatz von 2020; der Gründungsband und das Handbuch sind noch nicht in Beiträge eingegangen. Nicht im Korpus: der Aufsatz von 2000 im American Psychologist und Decis populäres Why We Do What We Do (1995).

Verbindungen

Literatur