Lokomotion und Kohäsion – die zwei Funktionen jeder Führung

Führung hat zwei Aufgaben, die sich nicht gleichzeitig maximieren lassen. Roland Reichenbach nennt sie mit der Sozialpsychologie Lokomotion und Kohäsion: Wer führt, muss dafür sorgen, «dass im Hinblick auf zu lösende Probleme die richtigen Entscheidungen gefällt werden, dass diese Entscheidungen auch richtig implementiert werden» – das ist die Lokomotion, die Bewegung der Gruppe auf ein Ziel hin –, und zugleich dafür, «dass die Gruppenmitglieder ihre Bedürfnisse befriedigen können und in der Gruppe verbleiben und sich darin weiterentwickeln» – das ist die Kohäsion, der Zusammenhalt (2013, S. 62). Reichenbach entwickelt das Begriffspaar für die Lehrperson im Klassenzimmer. Es gilt für jede Führungsbeziehung, und die Schulleitung erkennt darin ihren Alltag wieder.

Der Widerstreit

Die beiden Funktionen liegen «oft – auch und gerade in berufsmoralisch relevanten Situationen – im Widerstreit», weil «die Führungsfunktionen der Lokomotion Kräfte hervorrufen, die die Kohäsion der Gruppe gefährden»: Ab einem gewissen Erfüllungsgrad stehen sie in einem antagonistischen Verhältnis, «d.h. sie können nicht beide gleichzeitig maximiert werden» (S. 62). Empirisch zeigt sich das in der alten Zweiteilung von «Aufgabenspezialisten» und «sozioemotionalen Spezialisten», bei Lehrpersonen als «logotrope» (der Sache zugewandte) und «paidotrope» (dem Kind zugewandte) Typen – allgemein als Führungspersonen, deren Fokus «primär auf die Sache (‹Stoff›) oder aber auf ‹den Menschen›» gerichtet ist (S. 62). Reichenbachs Pointe ist nicht die Typologie, sondern die Dynamik: «Das dynamische Verhältnis von Lokomotion und Kohäsion ist kennzeichnend für jede Art von Führung und verantwortlich für die Reibung und tendenzielle Konflikthaftigkeit jeder Führungsbeziehung. Pädagogische Beziehungen sind immer auch Führungsbeziehungen, wiewohl dies heute m.E. implizit oder explizit zunehmend in Abrede gestellt wird» (S. 62).

Dass Führung Reibung erzeugt, ist also kein Zeichen dafür, dass etwas schiefläuft. Es ist die Normalform. Wer eine Schulentwicklung vorantreibt, gefährdet den Zusammenhalt des Kollegiums; wer den Zusammenhalt schont, bremst die Entwicklung. Das gilt im Klassenzimmer wie im Teamzimmer, und es gilt für die Lehrperson, die – Reichenbach bedient sich einer Glosse aus der Weltwoche – «eine Wandergruppe mit Spitzensportlern und Behinderten bei Nebel durch ein unwegsames Gelände in nordsüdlicher Richtung zu führen» hat, «und zwar so, dass alle bei bester Laune und möglichst gleichzeitig an drei verschiedenen Zielorten ankommen» (S. 44).

Wo das Ethos sitzt

Die Unterscheidung von Lokomotions- und Kohäsionszielen entspricht bei Reichenbach der Unterscheidung von instrumentellen und moralischen Anforderungen, denen jeder Lehr- und Führungsberuf ausgesetzt ist. Und dann der Satz, der das Begriffspaar in den Berufsethik-Cluster stellt: «Wie die Koordination und Gewichtung dieser Aspekte vollzogen wird, hat mit dem zu tun, was Ethos genannt wird» (S. 62, mit Oser). Das Ethos ist demnach keine Liste von Tugenden und kein Leitbild (siehe Tugend oder Kompetenz: Reichenbachs Leitbild-Kritik), sondern die Art, wie eine Person im konkreten Fall zwischen Sache und Menschen gewichtet – situativ, nicht ein für alle Mal. Niklas Luhmann, den Reichenbach dazu zitiert, beschreibt, wie Systeme mit solchen Inkonsistenzen umgehen: Auf der Ebene der Profession «mag man sie leugnen und in den Geheimnisbereich des individuellen Könnens und der Erfahrung hineinziehen. Die Lösung des Problems liegt in der Leugnung des Problems» (S. 45). Reichenbach nennt das «sicher keine dumme Diagnose» (S. 45) – und das Begriffspaar ist sein Versuch, das Problem nicht zu leugnen, sondern zu benennen.

Für die Schulleitung

Die Übertragung ist eigene Anwendung. Lokomotion und Kohäsion sind die Achsen, auf denen sich die Führungsstile hier – transformational und servant, aufgaben- und beziehungsorientiert – seit den Ohio-Studien bewegen; Reichenbach gibt ihnen den Namen und den Vorbehalt, dass der Konflikt zwischen ihnen nicht wegzuführen ist. Der Führungsleitspruch dieser Beiträge verteilt beide Funktionen auf vier Bewegungen; die Lokomotion steckt im «klar priorisieren», die Kohäsion im «zuhören» und «Zuversicht stiften». Für das Mitarbeitergespräch heisst das: Die Frage Wo drückt die Lokomotion gerade auf die Kohäsion? ist ehrlicher als die Frage nach dem richtigen Stil. Und für die Klassenführung gilt dieselbe Grundspannung eine Ebene tiefer – weshalb Reichenbach darauf besteht, dass Lehrpersonen führen, ob sie es so nennen oder nicht.

Verbindungen

Literatur