Professioneller Gleichmut

«Der Lehrer braucht nicht nur Mut, sondern Gleichmut – und für beides kollegiales Verständnis (…). Wenn der Lehrer sich Mühe gegeben und kompetent gehandelt hat, braucht er Misserfolge nicht sich selbst zuzurechnen – so wie ja auch einige Patienten sterben, einige Klienten den Prozess verlieren und Therapie nicht immer anschlägt.» Der Satz stammt von Niklas Luhmann; Roland Reichenbach macht ihn zum Kern dessen, was am Lehrberuf professionell ist (2013, S. 51). Hier, wo die Selbstwirksamkeit das Fundament fast aller Beiträge bildet, ist das die nötige Gegenstimme: Nicht jeder Misserfolg ist ein Wirksamkeitsdefizit.

Profession unter Unsicherheit

Reichenbach folgt Luhmann in drei Schritten. Professionen arbeiten «unter der Bedingung der Unsicherheit und müssen deshalb ihren Arbeitsbereich abschirmen» – kollegiale Unterstützung ist Voraussetzung, und die Mitglieder müssen sich «genau gleich wie die Mitglieder einer mittelalterlichen Zunft gegenseitig schützen» (S. 50). Professionelles Wissen besteht «nicht so sehr in der Kenntnis von Prinzipien und Regeln als vielmehr in der Verfügung über eine ausreichend große Zahl komplexer Routinen, die in unklar definierten Situationen eingesetzt werden können» (S. 50). Und – Luhmanns «originelles Argument» – die professionelle Komponente nimmt in der Schul- und Hochschulhierarchie von unten nach oben ab: Die pädagogisch-didaktische Komponente ist für die Elementarschule wichtig und schwindet mit dem Fachunterricht, der Wissen bloss überträgt, während kein Arzt seinen Patienten zum Mediziner machen will; Hochschulprofessoren sind pädagogisch am wenigsten professionell. Das entspricht für Reichenbach «einer insgesamt erfrischenden Aufwertung des Berufes der Grundschullehrer und -lehrerinnen», die zu Unrecht den niedrigeren Status haben (S. 50 f.).

Was für den ganzen Lehrberuf bleibt, ist die Gelassenheit gegenüber Erfolg und Misserfolg. Dahinter steht «die metaethische Regel …, wonach Sollen Können implizieren muss. Sollen, welchem kein Können entspricht bzw. entsprechen kann, verliert seine Geltung» (S. 51). Wer kompetenztheoretisch argumentiert, sollte deshalb «lieber gleich auch inkompetenztheoretisch» argumentieren: «Professionalität und Unvermögen, Professionalität und die Grenzen der Verfügbarkeit über die Bedeutung des eigenen Handelns wären dann das Thema» (S. 51). Und weil besondere Leistungen im Lehrberuf nicht honoriert werden können, muss die Belohnung im Interaktionserfolg der Klasse selbst gesucht werden: «Der Sinn der Profession kann nur in der professionellen Tätigkeit selbst gefunden werden» (S. 51).

Verantwortung, die man sich zumutet

Der Gleichmut ist keine Entlastung von der Verantwortung, sondern ihre realistische Form. Verantwortlich ist jemand nach der üblichen Bestimmung nur, wenn die Folgen kausal bewirkt, voraussehbar und die Handlung vermeidbar war. Im Erziehungsbereich wissen wir – so Reichenbach – meistens weder, welche Handlungen Folgen bewirkt haben, noch sind Folgen voraussehbar (S. 61). Reichenbach zieht daraus einen «prozeduralen Verantwortungsbegriff» (S. 61); im Referat zum LCH-Berufsleitbild von 2008 nennt er Verantwortung eine Selbstzumutung mit Als-ob-Charakter. Was die Lehrperson sich zumuten kann, ist der tägliche Versuch: «Die Lehrperson scheitert als Berufsperson nicht, wenn ihr dies nicht gelingt, sie scheitert aus pädagogischer Sicht vielmehr, wenn sie dies nicht jeden Tag neu versucht» (S. 37). Alles darüber hinaus ist die «normative Überdetermination» der Moderne – «zu viel Sollen, zu wenig Können, zu viel des Guten, zu wenig des Möglichen» (S. 60) –, die sich in der Lehrerschelte dauerhaft befriedigen lässt, weil Lehrpersonen «immer etwas falsch» machen und «nie vollends» genügen (S. 44).

Für die Schulleitung

Die Übertragung ist eigene Anwendung. Sie beginnt beim Mitarbeitergespräch nach einem gescheiterten Projekt oder einer verlorenen Klasse: Luhmanns Satz trennt die Frage, ob sich jemand Mühe gegeben und kompetent gehandelt hat, von der Frage, ob es gelungen ist – und nur die erste ist eine Frage der Beurteilung. Das «kollegiale Verständnis», das Luhmann verlangt, ist die Aufgabe der Schulleitung: der «Zunftschutz», der eine Lehrperson nach dem Elternsturm nicht allein lässt, und die Intervision, in der Misserfolge besprochen werden, ohne dass sie zugerechnet werden. Für die Schulleitung selbst gilt dasselbe: Wer als Man of Action auf mickrigen Grundlagen entscheidet, braucht den Gleichmut als Bedingung, überhaupt entscheiden zu können. Und die Selbstwirksamkeitserwartung behält ihren Wert – als Erwartung, dass das eigene Bemühen zählt, nicht als Versprechen, dass es reicht.

Einordnung

Reichenbach übernimmt Luhmanns Professionsbegriff ohne den systemtheoretischen Hintergrund, «wiewohl man den … nicht teilen muss» (S. 51). Die Wirksamkeitsforschung, auf die sich Hattie und die kollektive Lehrerwirksamkeit stützen, würde einwenden, dass Lehrpersonen ihre Wirkung systematisch unterschätzen und dass Gleichmut zur Ausrede werden kann. Reichenbachs Antwort steckt im Zusatz «kompetent gehandelt»: Der Gleichmut gilt nach der Anstrengung, nicht statt ihrer.

Verbindungen

Literatur