Führungskreislauf und Qualitätskreislauf im TG-Qualitätsrahmen
Im Qualitätsrahmen Volksschule Thurgau (2024) treten zwei Begriffe wiederholt nebeneinander auf: Führungskreislauf und Qualitätskreislauf. Der Rahmen setzt beide Begriffe voraus, ohne sie selbst zu definieren. Diese Note klärt den konzeptuellen Unterschied, dokumentiert die Verwendung im TG-Rahmen und bietet eine Wertung – die deskriptiven Notes Qualitätskreislauf TG und Qualitätsbereich Führung (TG) beschreiben den «Was», diese Note adressiert den «Wie ist das zu werten?».
Verwendung im TG-Qualitätsrahmen
Die beiden Begriffe erscheinen ausschliesslich im Qualitätsbereich Führung, an drei Stellen:
- Merkmal 6a Qualitätskultur (S. 5) – Elementarstufe: «Konzeptionelle Grundlagen beschreiben den Führungskreislauf. Sie legen fest, wie der Qualitätskreislauf bei Projekten umgesetzt wird.»
- Merkmal 6b Qualitätskultur (S. 6) – Elementarstufe: «Bei der Weiterentwicklung der Schul- und Unterrichtsqualität sind Aspekte wie Führungskreislauf, Qualitätskreislauf oder 360-Grad-Feedback erkennbar.»
- Merkmal 7b Entwicklungsplanung (S. 7) – Elementarstufe: «Die Schule verfügt über einen mehrjährigen Entwicklungsplan, der sich am Qualitätskreislauf orientiert.»
Auffällig ist die definitorische Sparsamkeit: Der Rahmen verwendet die Begriffe als vorausgesetztes Vokabular und überlässt die inhaltliche Klärung dem Q-Management-Hintergrund der Schulleitung.
Begriffsklärung – funktionale Trennung
| Führungskreislauf | Qualitätskreislauf | |
|---|---|---|
| Wurzel | Klassischer Management-Zyklus (Planen → Entscheiden → Anordnen → Kontrollieren) | Deming-PDCA-Zyklus (Plan → Do → Check → Act) – siehe PDCA-Zyklus (Deming-Kreis) |
| Ebene | Steuerungs-Loop der Schulleitung für die Schule als Ganzes | Entwicklungs-Loop für einzelne Q-Projekte |
| Reichweite | strategisch, ganzheitlich, kontinuierlich | taktisch, projektgebunden, mit Anfang und Ende |
| Charakter | wer steuert, wie, mit welchen Entscheidungsmechanismen | wie wird Qualität konkret entwickelt, überprüft, gesichert |
| Schweizer Bezug | Dubs (2019) «Die Führung einer Schule», allgemeine Management-Tradition | Q2E (Steiner Landwehr / Strittmatter), IQES |
| Im TG-Rahmen | im Merkmal 6a/6b vorausgesetzt, nicht weiter ausgeführt | in Qualitätskreislauf TG mit vier Schritten konkretisiert |
In der Schweizer Schul-Q-Management-Tradition gehen die beiden Kreisläufe ineinander über, sind aber funktional unterscheidbar: Der Führungskreislauf strukturiert das laufende Steuerungshandeln der SL (was muss ich als SL planen, entscheiden, anordnen, kontrollieren), der Qualitätskreislauf strukturiert konkrete Entwicklungsprojekte (wie führe ich ein Projekt von der Idee bis zur Wirkungsüberprüfung).
Wertung – fünf Punkte
1. Funktionale Trennung wird angedeutet, aber nicht ausgeführt
Die Formulierung in Merkmal 6a – «Konzeptionelle Grundlagen beschreiben den Führungskreislauf. Sie legen fest, wie der Qualitätskreislauf bei Projekten umgesetzt wird» – impliziert eine sinnvolle Aufgabenteilung: Führungskreislauf für die laufende Steuerung, Qualitätskreislauf für konkrete Projekte. Diese Differenzierung wird aber nicht explizit gemacht und entzieht sich der direkten Lektüre. Eine systematische Lesart muss diese Trennung selbst rekonstruieren.
2. Kategorienverwechslung in Merkmal 6b
«Aspekte wie Führungskreislauf, Qualitätskreislauf oder 360-Grad-Feedback» (S. 6) listet zwei Meta-Konzepte und ein konkretes Instrument auf gleicher Ebene. Das ist eine Kategorienverwechslung: 360-Grad-Feedback ist ein Werkzeug, das innerhalb des Qualitätskreislaufs zum Einsatz kommt, nicht eine Alternative dazu. Für die Praxis bedeutet das: Schulleitungen sollten Instrumente nicht neben Meta-Konzepte stellen, sondern sie in die Kreisläufe einordnen.
3. Niedrige Elementarstufe
Die Elementarstufe verlangt lediglich, dass «konzeptionelle Grundlagen» die Kreisläufe beschreiben – nicht, dass sie tatsächlich gelebt werden. Das ist ein typisches Stufenmodell-Phänomen (siehe Stufenmodell als Standortbestimmungs-Instrument): Der Mindeststandard prüft Schriftlichkeit, die Zielstufe operative Umsetzung, die Exzellenzstufe die Reflexions- und Evaluationspraxis. Schriftliches Konzept ≠ gelebte Praxis – ein wichtiger kritischer Lesepunkt des gesamten Q-Rahmens.
4. Methodische Pointe – Reflexion versus Evaluation
Implizit ordnet der TG-Rahmen auf Seite 5 das oft synonym verwendete Begriffspaar «Reflexion» und «Evaluation» sauber: «Reflexion (internes Nachdenken über Zielerreichung)» versus «Evaluation (Überprüfung der Zielerreichung mittels schriftlicher Befragungen)». Diese Differenzierung ist die methodisch wertvollste Klärung im Bereich Qualitätskultur – sie ordnet zwei Begriffe sauber und macht klar, was die Schule auf welcher Stufe leisten muss. Vertiefung: Reflexion vs. Evaluation – die TG-Unterscheidung.
Verbindungen
- Qualitätskreislauf TG – deskriptive Atomic Note zum Qualitätskreislauf mit den vier Schritten; Komplementärnote zu dieser Wertungs-Note
- Qualitätsbereich Führung (TG) – Bezugskontext, in dem die beiden Begriffe im Rahmen erscheinen (Merkmal 6a, 6b, 7b)
- Qualitätsrahmen Volksschule Thurgau – Grundkonzept – Architektur des Rahmens insgesamt
- Q2E – Der Qualitätszyklus, Q2E – Grundkonzept, Q2E in der Schulleitungspraxis – Q2E als wichtigste Schweizer Bezugsquelle für den Qualitätskreislauf
- PDCA-Zyklus (Deming-Kreis), pdca-zyklus-schulentwicklung – die theoretische Grundlage des PDCA-Zyklus, auf dem der Q-Kreislauf basiert
- 360°-Feedback im Q2E-Modell – das Instrument, das im TG-Rahmen problematisch auf gleicher Ebene wie die Meta-Konzepte gelistet wird
- Reflexion vs. Evaluation – die TG-Unterscheidung – methodische Differenzierung, die der TG-Rahmen implizit liefert
- Stufenmodell als Standortbestimmungs-Instrument – das Vierstufenmodell als Lese-Schlüssel des Q-Rahmens
- Schulleitung – die Adressatin beider Kreisläufe
Literatur
- Amt für Volksschule Kanton Thurgau (2024). Qualitätsrahmen Volksschule Thurgau (gültig ab 1.8.2024, Stand 22.1.2024), S. 5–7. —
- Dubs, R. (2019). Die Führung einer Schule: Leadership und Management (3., vollständig überarbeitete und erweiterte Aufl.). Franz Steiner Verlag, Stuttgart.
- Steiner Landwehr, P. & Strittmatter, A. (2008). Q2E – Qualität durch Evaluation und Entwicklung. Konzepte, Verfahren und Instrumente zum Aufbau eines Qualitätsmanagements an Schulen. h.e.p.
- Deming, W. E. (1986). Out of the Crisis. MIT Press.
- Amt für Volksschule Thurgau (2024). Qualitätsrahmen Volksschule Thurgau. Kanton Thurgau. https://av.tg.ch/public/upload/assets/99086/Qualitaetsrahmen_Volksschule_Thurgau.pdf
Verweise auf diese Seite
- Qualitätsplanung im Kanton Thurgau (§ 9 VSV TG) Zettelkasten
- Supervision und Intervision Zettelkasten