Kommunikationsquadrat nach Schulz von Thun: Vier Seiten, vier Schnäbel, vier Ohren

Das Kommunikationsquadrat ist im Lexikon von Schulz von Thun et al. (2012) «ein Modell zur Analyse der zwischenmenschlichen Kommunikation» (Stichwort «Kommunikationsquadrat»). Seine Grundannahme: Wer etwas sagt, sagt vier Dinge zugleich – und wer zuhört, kann auf jedes davon antworten. Für Mitarbeitergespräche, Rückmeldungen und Konflikte liefert es eine Sprache für die Frage, auf welcher Ebene ein Gespräch läuft – und auf welcher es entgleist ist.

Äusserung und Botschaften

Schulz von Thun unterscheidet die Äusserung von den Botschaften. Die Äusserung ist, was jemand von sich gibt, verbal und nonverbal: «das empirisch-faktisch wörtliche und/oder nonverbale Ereignis». Sie steht in der Mitte des Quadrats, und die Botschaften stecken ausdrücklich oder unausgesprochen in ihr (Stichwort «Äußerung»). Das Quadrat ordnet die Botschaften vier Seiten zu (Stichwort «Kommunikationsquadrat»):

SeiteLeitfrage
Sachinhalt«worüber ich informiere»
Selbstkundgabe«was ich von mir zeige»
Beziehungshinweis«was ich vom anderen halte und wie ich zu ihm stehe»
Appell«was ich beim anderen erreichen möchte»

Auf der Sachseite geht es um «Zahlen, Daten und Fakten, die man nach Überprüfung als richtig oder falsch bezeichnen kann» (Stichwort «Kommunikationsquadrat»). Die drei anderen Seiten lassen sich nur erschliessen.

Früher hiess die Äusserung «Nachricht» und das Modell «Nachrichtenquadrat»; Schulz von Thun hat beide Begriffe ersetzt, weil «Nachricht» die Sachinformation betonte (Stichwort «Nachricht»). Vier-Seiten- und Vier-Ohren-Modell meinen dasselbe.

Ein Beispiel aus dem Schulalltag

Ein Beispiel, für diesen Beitrag gebildet, nicht aus der Quelle: Eine Lehrperson sagt im Vorbeigehen zur Schulleitung: «Die 4a ist morgen schon wieder ohne Stellvertretung.» Die Sachseite: morgen, 4a, keine Stellvertretung, nicht zum ersten Mal. Die Selbstkundgabe könnte lauten: Ich mache mir Sorgen – oder: Ich bin am Anschlag. Der Beziehungshinweis: Du hast die Planung nicht im Griff – oder: Auf dich zähle ich. Der Appell: Finde jemanden – oder: Entlaste mich. Was gemeint ist, weiss nur die Lehrperson; was ankommt, entscheidet sich bei der Schulleitung.

Vier Schnäbel, vier Ohren

Der Sender hat vier Schnäbel, der Empfänger vier Ohren – daraus ergeben sich zwei Fallstricke (Stichwort «Kommunikationsquadrat»). Der erste liegt beim Sender: «Das Gesagte ist nämlich keinesfalls immer identisch mit dem Gemeinten» – Heikles wird oft als unterschwellige Botschaft in einer Sachaussage verpackt. Der zweite liegt beim Empfänger: «Was beim Empfänger ankommt, ist nicht zwangsläufig identisch mit dem, was der Sender gemeint hat.» Und: «Ein großer Teil der Kommunikationsstörungen rührt daher, dass der eingesetzte Schnabel und das auf Empfang geschaltete Ohr nicht zueinander passen.»

Was einseitige Empfangsgewohnheiten anrichten, beschreibt das Stichwort «Vier Ohren»: «In der Kommunikation wirkt jedes Ohr wie ein Filter». Das Sach-Ohr überhört Befindlichkeit und Stimmung. Ein übertrieben eingesetztes Selbstkundgabe-Ohr wirkt «psychologisierend und diagnostizierend». Mit einem überempfindlichen Beziehungs-Ohr «wittert der Empfänger in jeglicher Äußerung einen Angriff oder eine Herabsetzung». Und wer vor allem mit dem Appell-Ohr hört, macht sich «zur Marionette der Erwartungen». Welches Ohr jemand bevorzugt, hängt an Persönlichkeit und Lebensgeschichte, aber auch an Situation und Rolle (Stichwort «Kommunikationsquadrat»).

Was zwischen Hören und Antworten geschieht, zerlegt das Stichwort «Empfangsvorgang» in drei Schritte: Wahrnehmung, Interpretation und innere Reaktion – Gefühle, aber auch Phantasien und Gedanken über den Sender. «Hören und Interpretieren fallen zusammen» – deshalb trägt auch der Empfänger Verantwortung für das Ergebnis, und er hat ein einfaches Mittel: nachfragen, bevor er antwortet («Ist das ein Vorwurf?»). In der Unterrichtsanalyse erscheint derselbe Dreischritt über Berner als wahrnehmen, interpretieren, fühlen.

Herkunft und Einordnung

Nach dem Stichwort «Kommunikationsquadrat» hat Schulz von Thun das Modell 1977 erstmals publiziert und dabei «ein Sprachmodell von Karl Bühler und die Watzlawick’sche Unterscheidung von Inhalts- und Beziehungsebene» zusammengeführt; 1981, im Taschenbuch Miteinander reden, kamen die vier Ohren hinzu. Die Unterscheidung, auf die er sich bezieht, ist das zweite Axiom bei Watzlawick et al. (2017): «Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, derart, dass letzterer den ersteren bestimmt und daher eine Metakommunikation ist» (S. 64). Der Beziehungsaspekt ist dort die Sicht des Senders auf die Beziehung, «seine persönliche Stellungnahme zum anderen» (S. 61). Wo Watzlawick zwei Aspekte sieht, unterscheidet Schulz von Thun vier Seiten.

Das Lexikon behandelt das Quadrat als Analysemodell mit einer Grundannahme; empirische Belege führt der Eintrag nicht an. Es versteht sich als «Navigator» zu den Grundlagenbänden Miteinander reden 1–3 (Vorwort).

Für die Schulleitung

Vier Verwendungen nennt das Lexikon (Stichwort «Kommunikationsquadrat»); die Zuordnung zur Schulleitung ist eigene Einordnung.

Die Warnung vor dem übertriebenen Selbstkundgabe-Ohr gilt auch für die Führung: Das Quadrat dient der Klärung und der Verständigung, nicht der Deutung von Mitarbeitenden.

Verbindungen

Literatur