Situationsmodell nach Schulz von Thun: Vorgeschichte, Thema, Konstellation, Ziele

Kommunikation soll nach Schulz von Thun et al. (2012) stimmig sein, «und das heißt: authentisch und situationsgerecht» (Stichwort «Situationsmodell»). Für den Blick nach innen steht das Innere Team, für den Blick nach aussen, auf die «Wahrheit der Situation», das Situationsmodell. Wer eine Sitzung leitet, einen Elternabend eröffnet oder ein Mitarbeitergespräch ansetzt, findet darin vier Fragen, die vor der Sacharbeit zu klären sind.

Vier Komponenten

«Der Gehalt einer Situation wird hier unter vier Aspekten beleuchtet» (Stichwort «Situationsmodell»). Das Lexikon führt sie am Beispiel eines Meetings vor:

KomponenteLeitfragen des Lexikons
VorgeschichteWer hat eingeladen, in wessen Auftrag, aus welchem Anlass? Wer hat im Vorfeld mit wem gesprochen?
ThemaWorum geht es? Was steht auf der Tagesordnung, was nicht?
Zwischenmenschliche KonstellationWer ist da, in welcher Funktion und Rolle? Fehlt jemand – «Vielleicht der Wichtigste?» Ist bei jemandem unklar, weshalb er dabei ist?
ZieleWas soll herauskommen – eine Entscheidung, ein Meinungsbild, eine Ideensammlung oder die «Einschwörung aller Beteiligten auf eine bereits beschlossene Vorgehensweise»?

Die Rollen sind «in der Abbildung mit Hüten symbolisiert» (Abb. 61): Verhalten und Ziele hängen von der Rolle ab, und wer mehrere Rollen zugleich innehat, soll benennen, «aus welcher Rolle heraus welche Äußerung gemacht wird». Neben dem offiziellen Ziel verfolgen die Beteiligten persönliche – «ein ganzes Geflecht von Zielen».

Die stimmige Situation

Eine Situation «ist stimmig konstruiert, wenn jeder Faktor mit den drei anderen zusammenpasst» (Stichwort «Situationsmodell»): das Thema zu Anlass und Ziel, die Zusammensetzung zu allen dreien. Deshalb soll die Leitung bei der Eröffnung ihr Situationsverständnis aussprechen: «Wie kommt es (Vorgeschichte), und welchen Sinn macht es (Zielsetzung), dass ausgerechnet ich (in welcher Rolle), ausgerechnet mit Ihnen (in welcher Zusammensetzung) ausgerechnet dieses Thema bearbeiten möchte?»

Das Stichwort «Transparenz» macht daraus die «oberste Dienstpflicht eines Leiters/Moderators»: «Situationsklärung vor Sacharbeit!» Allen muss klar sein, worum es geht, was dazu geführt hat, wer in welcher Rolle da ist und was herauskommen soll – «Nur wenn alle Beteiligten das gleiche Situationsverständnis haben, kann Kommunikation gelingen.»

Rolle: die Hüte der Beteiligten

Die Rolle entfaltet das Lexikon am ausführlichsten (Stichwort «Rolle»): «Die Klärung der eigenen Rolle ist das A und O in der Kommunikation, besonders dann, wenn es schwierig wird.» Konflikte sind in ihr angelegt, weil die Rollenpartner Verschiedenes erwarten und weil jemand «zwei Hüte» zugleich tragen kann. Das Schulbeispiel: In der Klasse von Lehrer Schimmelcent sitzt seine eigene Tochter; bittet sie ihn zu Hause um Hilfe vor der Klassenarbeit, sind «der Vater (der für seine Tochter das Beste will) und der Lehrer (der weiß, was drankommt)» kaum zu trennen. Dann hilft, die Rolle zu benennen: «Das sage ich jetzt nicht als Moderator, sondern als betroffener Abteilungsleiter». Die Schlüsselfrage der Selbstreflexion: «Was macht die Rolle mit mir, und was mache ich aus der Rolle?»

Stimmigkeit: die doppelte Übereinstimmung

Das Stichwort «Stimmigkeit» fasst beide Blickrichtungen in einer Leitfrage: «Wie kann ich kommunizieren angesichts dessen, wie die Situation konstruiert ist und was sie mir in meiner Rolle abverlangt, sowie angesichts dessen, was sich in mir regt und wofür ich stehe?» Der Blick nach aussen gilt dem situativen Kontext (Situationsmodell), der nach innen den eigenen Gedanken, Gefühlen und Impulsen (Innere Team). Wer nur eines von beidem trifft, kommuniziert nach dem «Vier-Felder-Schema der Stimmigkeit» (Abb. 63) «daneben» oder «angepasst»; wer beides verfehlt, «verquer».

Herkunft und Einordnung

Das Stichwort «Situationsmodell» datiert das Modell auf 1990, führt dazu aber keinen Titel im Literaturverzeichnis; als Fundstelle nennt es Miteinander reden 3 (zuerst 1998) und das Führungsbuch von Schulz von Thun, Ruppel und Stratmann. Die Bildunterschrift zu Abb. 62 nennt den Gehalt der Situation «systemisch geprägt»: Das Modell ist der Systemblick auf die Lage, ein Denkwerkzeug für Vorbereitung und Eröffnung, ohne empirische Belege im Eintrag.

Für die Schulleitung

Belegt am Lexikon; die Bezüge zu anderen Beiträgen sind eigene Einordnung.

Das Modell ordnet die Situation, es entscheidet sie nicht: Was stimmig ist, zeigt sich erst, wenn die Beteiligten ihr Situationsverständnis abgeglichen haben.

Verbindungen

Literatur