Ramadan und hohe Feiertage: Wie die Schule Fastenzeit und Festtage regelt
Kanton Zürich
Kanton Thurgau
Kanton St. Gallen
Zwei Situationen kehren jedes Jahr wieder: müde, unkonzentrierte Jugendliche in den Wochen des Fastens und kurzfristige Gesuche um einen freien Tag zum Fest des Fastenbrechens (Tunger-Zanetti et al. 2019, S. 14). Beides gehört ins Register «Zeit» des Leitbeitrags Religiöse Anliegen im Schulalltag: Der freie Tag ist die Regel, das freie Fach die seltene Ausnahme. Dieser Beitrag sagt, was daraus für Feiertage, Fastenmonat, Fastenbrechen und Freitagsgebet folgt – in Zürich, Thurgau und St. Gallen, und für jede Religion gleich.
Der freie Tag: hohe Feiertage
Das Bundesgericht hat den Anspruch auf Dispensation «vor allem für einzelne Tage gewährt», für religiöse Ruhetage und Feste (BGE 142 I 49 E. 9.5.1). Die Kantone füllen ihn verschieden:
- Zürich: Hohe Feiertage «oder besondere Anlässe religiöser oder konfessioneller Art» sind ein Dispensationsgrund (§ 29 Abs. 2 lit. c VSV); die Gemeinde dispensiert auf mündliches oder schriftliches Gesuch der Eltern, und «Dispensationen aus religiösen Gründen gehen nicht zu Lasten der Jokertage» (VSA 2020, S. 4). Das Volksschulamt führt eine Liste der Feiertage mit Daten, für 2026 etwa das Fest des Fastenbrechens am 20. März, das Opferfest am 26. oder 27. Mai, Jom Kippur am 21. September (VSA 2026).
- Thurgau: Absenzen aus wichtigen Gründen sind entschuldigt (§ 46 Abs. 1 VG). Die Broschüre des Amts rechnet «die wichtigsten Feiertage der Religionsgemeinschaft» dazu (AV TG 2024, S. 4); «Für andere religiöse Feiertage können Jokertage eingesetzt werden», der Stoff ist vor- oder nachzuarbeiten, Aufnahmeprüfungen werden nicht verschoben, und die Schulen nehmen «bei der Ansetzung der Termine Rücksicht auf die Feiertage der grösseren Religionsgemeinschaften» (ebd.).
- St. Gallen: Urlaub gibt es «aus wichtigem Grund im Einzelfall», solange ein ausreichender Grundschulunterricht gewährleistet bleibt (Art. 49bis VSG); voraussehbare Abwesenheit braucht die vorgängige Bewilligung, das Verfahren regelt der Schulrat (Art. 16 VVU). Dazu kommen die zwei Halbtage, die Eltern ohne Begründung beziehen können (Art. 96 Abs. 2 VSG).
Wie viele Tage? Das Fest des Fastenbrechens dauert drei, das Opferfest vier Tage, und schon 2003 hielt Zürich fest: «Häufig wird dieser Dispens nur für den ersten Tag verlangt» (Bildungsdirektion ZH 2003, S. 1 f.) – an ihm findet das Festgebet statt. Weil ein Teil der Gemeinschaften nach der Sichtung der Mondsichel feiert, ein anderer nach dem berechneten Datum, empfiehlt der Luzerner Leitfaden, im Dispens «die beiden in Frage kommenden Daten (Tag X und der folgende Tag)» festzuhalten (Tunger-Zanetti et al. 2019, S. 19). Wem der Tag zusteht, prüft niemand: Das Fest ist Familientreffen wie Weihnachten, auch für Familien, die nicht fasten; Lehrpersonen sollen «nicht über die Glaubwürdigkeit der Religiosität ihrer Schülerinnen und Schüler urteilen» (ebd.).
Der Fastenmonat
Gefastet wird «vom Eintritt der Morgendämmerung bis Sonnenuntergang», ohne Essen und Trinken; die Pflicht gilt ab der Pubertät, und viele Familien führen die Kinder über Jahre schrittweise heran (Tunger-Zanetti et al. 2019, S. 15). Der Ramadan folgt dem Mondjahr und beginnt jedes Jahr rund elf Tage früher. Was das für den Schultag heisst, zeigt der Sonnenuntergang in Zürich am ersten und am letzten Fastentag:
| Ramadan | Fastentage | Sonnenuntergang, erster Tag | Sonnenuntergang, letzter Tag |
|---|---|---|---|
| 2026 | 18. Februar bis 19. März | rund 17.55 Uhr | rund 18.35 Uhr |
| 2027 | 8. Februar bis 9. März | rund 17.40 Uhr | rund 18.20 Uhr |
| 2028 | 28. Januar bis 26. Februar | rund 17.20 Uhr | rund 18.05 Uhr |
| 2029 | 16. Januar bis 14. Februar | rund 17.05 Uhr | rund 17.50 Uhr |
| 2030 | 5. Januar bis 3. Februar | rund 16.50 Uhr | rund 17.30 Uhr |
| 2030/31 | 26. Dezember bis 24. Januar | rund 16.40 Uhr | rund 17.15 Uhr |
| 2031/32 | 15. Dezember bis 13. Januar | rund 16.35 Uhr | rund 17.00 Uhr |
| 2032/33 | 4. Dezember bis 2. Januar | rund 16.35 Uhr | rund 16.45 Uhr |
Die Daten sind astronomisch vorausberechnet; die Gemeinschaften legen sie kurz vor dem Monat fest, mit Abweichungen von einem Tag (VSA 2026). Bis 2029 liegt der Ramadan zwischen Mitte Januar und Mitte März, ab 2030 rückt er in den Dezember und damit in die kürzesten Tage.
Für den Unterricht gilt in allen drei Kantonen dasselbe: Es gibt keine Fachdispens wegen des Fastens. Thurgau: «Die völlige Dispensation vom Unterricht in einzelnen Fächern ist während dem Monat Ramadan nicht möglich, auch nicht von den Fächern Hauswirtschaft (Kochen), Turnen und Schwimmen» (AV TG 2016). Appenzell Ausserrhoden sagt es gleich und erlaubt, «im Sport der Ausdauerbereich» wegzulassen (AVS AR 2017). Zürich: Ist die Leistungsfähigkeit eingeschränkt, «ist das im Sportunterricht angemessen zu berücksichtigen» (VSA 2020, S. 2); fastende Schülerinnen und Schüler «können während dieser Zeit vom Kochen und Essen im Hauswirtschaftsunterricht befreit und anderweitig schulisch beschäftigt werden», auf rechtzeitiges Gesuch der Eltern (ebd., S. 3). Im Thurgau kochen sie mit und nehmen das Essen nach Hause (AV TG 2016). Prüfungen werden nicht verschoben; dass man das Fasten für eine Prüfung unterbrechen und nachholen darf, sagen Musliminnen und Muslime selbst – darauf darf die Lehrperson hinweisen, ohne den Islam zu erklären (Tunger-Zanetti et al. 2019, S. 15 und 17).
Drei Sätze aus dem Thurgauer Merkblatt tragen den Alltag: «Schülerinnen und Schüler bestimmen selber, ob und wie lange sie fasten, und wann sie das Fasten abbrechen.» Lehrpersonen anerkennen diese Entscheide, verzichten im Sport auf Extremleistungen und achten darauf, «dass sich Kinder und Jugendliche in Bezug auf religiöse Fasten nicht gegenseitig unter Druck setzen» (AV TG 2016). Der Ratschlag «Trink doch wenigstens einen Schluck Wasser» hilft nicht – er «wird in aller Regel nicht angenommen werden, vor allem wenn er von nicht-muslimischen Personen kommt» (Tunger-Zanetti et al. 2019, S. 17). Müdigkeit ist Müdigkeit: ansprechen, nach dem Schlaf fragen, zum Austausch mit anderen Fastenden ermuntern (ebd.).
Das Fastenbrechen und der Schultag
Die Tabelle zeigt: Der Sonnenuntergang fällt zwischen 2026 und 2033 nie vor 16.35 Uhr. Im Regelunterricht bricht also niemand das Fasten. Betroffen sind die Ränder des Schultags – und dort ist nichts geregelt, es gilt die Hausordnung:
- Tagesstrukturen und Hort: Wer bis 18 Uhr betreut wird, isst in den Februar-Ramadanen zur gewohnten Abendessenszeit, in den Dezember-Ramadanen schon davor. Die Lösung ist eine Mahlzeit, die warm bleibt oder mitgegeben wird.
- Abendanlässe: Elternabend, Konzert, Schulfest um 17.30 Uhr im Winter – Wasser und Datteln am Eingang kosten nichts und sagen alles.
- Lager: Die Küche weiss, wann die Sonne untergeht und wann sie aufgeht (Morgendämmerung je nach Datum zwischen etwa 4.45 und 6.20 Uhr); Essen zum Sonnenuntergang und ein frühes Frühstück sind organisierbar, das Lager bleibt obligatorisch (AV TG 2024, S. 4).
- Dezember-Ramadane ab 2030: Endet der Nachmittag der Sekundarschule um 17 Uhr, liegt der Sonnenuntergang im Schulzimmer. Ein Schluck Wasser nach Sonnenuntergang stört keinen Unterricht; wer ihn erlaubt, legt ihn nicht nahe.
Das Freitagsgebet
Zürich erlaubt Jugendlichen auf Gesuch der Eltern «für den Zeitraum des Gebets (eine halbe bis eine Stunde)» den Besuch der Moschee, im Sommer um 13.30 Uhr, im Winter um 12.30 Uhr, mit Pflicht zur Nacharbeit; «Erfahrungsgemäss wird die Dispensation nur von wenigen Lernenden beansprucht» (VSA 2026). Thurgau und St. Gallen regeln nichts; der Fall gehört ins Register «Zeit» und wird wie ein Feiertag behandelt – eine Stunde Abwesenheit mit Nacharbeit ist kein Eingriff in den Bildungsauftrag.
Für die Schulleitung
Die Daten in den Jahresplan. Die Feiertagsliste des Volksschulamts (VSA 2026) und die Ramadan-Tabelle gehören in die Jahresplanung: Prüfungen, Sporttag, Lager und Schulreise «ausserhalb eines künftigen Ramadan» zu legen, wo es gleich gut geht, empfiehlt der Leitfaden für Schulen mit vielen muslimischen Kindern (Tunger-Zanetti et al. 2019, S. 17); den Thurgauer Schulen gibt es die Broschüre als Grundsatz vor (AV TG 2024, S. 4).
Eine Frist und zwei Daten. Gesuche für Feiertage bis zu einem bekannten Termin, kommuniziert am Elternabend; der Dispens nennt beide möglichen Tage (Tunger-Zanetti et al. 2019, S. 19). Gleiche Regel für Jom Kippur und das orthodoxe Weihnachtsfest.
Vor dem Ramadan informieren. Das Thurgauer Merkblatt verlangt, dass die Schule alle Eltern über die Dispensationsmöglichkeit informiert (AV TG 2016); dieselbe Information sagt den Lehrpersonen, was im Sport, im Kochen und bei Prüfungen gilt, und den Tagesstrukturen, wann die Sonne untergeht.
Nicht urteilen, nicht missionieren. Wer fastet, entscheidet das Kind; ob es «richtig» fastet, beurteilt die Schule nicht, und sie wirbt weder fürs Trinken noch fürs Durchhalten.
Verbindungen
- Religiöse Anliegen im Schulalltag – der Leitbeitrag mit Massstab, Linie des Bundesgerichts und Prüfschema; dieser Beitrag füllt das Register «Zeit»
- Kopftuch, Burkini und Schwimmen – der zweite Teilbeitrag: Kleidung und Schwimmen, dort auch die Vorkehrungen im Bad, die im Ramadan gleich bleiben
- Händedruck, Gebet, Lager und Weihnachten – der dritte Teilbeitrag: Gebet in der Pause, Lagerküche und Weihnachtsfeier
- Urlaub und Jokertage – § 29 VSV ZH, § 46 VG TG, Art. 49bis und 96 VSG SG im Ganzen; hier nur der religiöse Feiertag
- Dispensation – die Fachdispens, die es im Ramadan nicht gibt
- Pädagogische Grenzüberschreitungen – der gut gemeinte Trink-Rat als Grenzfall
- Rechtsgrundlagen bei religiös begründeter Reklamation – wenn aus dem Gesuch eine Reklamation wird
Literatur
- Volksschulverordnung (VSV) [ZH] vom 28.06.2006 (LS 412.101). http://www.zhlex.zh.ch/Erlass.html?Open&Ordnr=412.101 – Volksschulverordnung (VSV), LS 412.101; § 29 Abs. 1 und Abs. 2 lit. c
- Gesetz über die Volksschule (VG) [TG] vom 29.8.2007 (RB 411.11). Rechtsbuch des Kantons Thurgau (RB). https://www.rechtsbuch.tg.ch/app/de/texts_of_law/411.11 – Gesetz über die Volksschule (VG), RB 411.11; § 46 Abs. 1 und 1bis
- Volksschulgesetz [SG] vom 13.1.1983 (sGS 213.1). https://www.gesetzessammlung.sg.ch/app/de/texts_of_law/213.1 – Volksschulgesetz (VSG), sGS 213.1, Stand 1. September 2024; Art. 49bis, 96 Abs. 2
- Verordnung über den Volksschulunterricht [SG] vom 11.6.1996 (sGS 213.12). https://www.gesetzessammlung.sg.ch/app/de/texts_of_law/213.12 – Verordnung über den Volksschulunterricht (VVU), sGS 213.12, Stand 1. August 2022; Art. 16
- Bundesgericht, II. öffentlich-rechtliche Abteilung (2015). BGE 142 I 49, Urteil 2C_121/2015 vom 11. Dezember 2015. – 2015, St. Margrethen; E. 9.5.1
- Bildungsdirektion Kanton Zürich, Volksschulamt (2020). Umgang mit Schülerinnen und Schülern verschiedener Religionen an der Volksschule im Kanton Zürich. Grundlagen und Empfehlungen. https://www.zh.ch/content/dam/zhweb/bilder-dokumente/themen/bildung/informationen-fuer-schulen/informationen-fuer-die-volksschule/schule-migration/empfehlungen_religionen_an_der_volksschule.pdf – Version 12. August 2020; S. 2–4
- Bildungsdirektion Kanton Zürich, Volksschulamt (2026). Schule und Migration. https://www.zh.ch/de/bildung/informationen-fuer-schulen/informationen-volksschule/schulinfo-schule-migration.html – Webseite «Schule und Migration», 29. Juni 2026; Feiertagsliste 2026 bis 2027, Freitagsgebet
- Bildungsdirektion Kanton Zürich, Volksschulamt (2003). Muslimische Schülerinnen und Schüler an der Volksschule. Empfehlungen. https://edudoc.ch/record/38819/files/ZH_2003_d.pdf – Empfehlungen, Juni 2003; S. 1 f. (Dauer der Feste); in der Dispensationspraxis durch die Fassung 2020 überholt
- Amt für Volksschule Thurgau (2024). Religion und Schule. Grundlagen und Empfehlungen. https://av.tg.ch/public/upload/assets/9041/2024_07_Religion_und_Schule_AV.pdf?fp=4 – 2. Auflage, Juni 2024; S. 4 und 7; Druckseite = PDF-Seite
- Amt für Volksschule Thurgau (2016). Merkblatt zu Schule und Ramadan. https://edudoc.ch/record/126114/files/TG_Schule_und_Ramadan_2016_.pdf?version=1 – Merkblatt zu Schule und Ramadan, Dezember 2016; Regeln und Empfehlungen
- Amt für Volksschule und Sport Appenzell Ausserrhoden (2017). Empfehlung Schule und Ramadan sowie Kopfbedeckung. https://edudoc.ch/record/227035/files/AR_Merkblatt_2017.pdf – Empfehlung Schule und Ramadan sowie Kopfbedeckung, Version 1.0
- Tunger-Zanetti, A., Endres, J., Martens, S. & Wagner, N. (2019). Ramadan kommt immer so plötzlich. Islam, Schule und Gesellschaft. Ein Leitfaden mit Hinweisen und Ideen für die berufliche Praxis. Luzern: Zentrum Religionsforschung, Universität Luzern. https://doi.org/10.5281/zenodo.2633779 – Fälle 1 und 2, S. 14–19; Druckseite = PDF-Seite
Verweise auf diese Seite
- Händedruck, Gebet, Lager und Weihnachten: Was die Schule bei religiösen Handlungen und Anlässen verlangen darf Zettelkasten
- Kanton St. Gallen Glossar
- Kanton Thurgau Glossar
- Kanton Zürich Glossar
- Kopftuch, Burkini und Schwimmen: Was die Schule über Kleidung und Körper bestimmen darf Zettelkasten
- Pädagogische Grenzüberschreitungen Zettelkasten
- Religiöse Anliegen im Schulalltag: Was die Schule muss, darf und klug tut Zettelkasten
- Urlaub und Jokertage Zettelkasten