Arbeitsbelastung Lehrpersonen und Personalgewinnung
Fragen, die hierher führen
«Eine Lehrerin sitzt weinend in meinem Büro und sagt, sie könne nicht mehr» · «Das Kollegium ist am Anschlag – was kann ich überhaupt tun?» · «Wie verhindere ich, dass gute Leute gehen?» · «Bringt ein Stressmanagement-Kurs etwas?» · «Wie viele Sitzungen sind zu viele?»
Belastung ist im Schulbetrieb kein Ausnahmezustand, sondern eine Dauergrösse – und der wichtigste Grund, weshalb Lehrpersonen den Beruf verlassen. Für die Schulleitung liegt der Hebel dort, wo er selten gesucht wird: nicht bei der Widerstandsfähigkeit der Einzelnen, sondern bei den Bedingungen, unter denen gearbeitet wird.
Die Unterscheidung, die alles ordnet
Die Arbeitspsychologie trennt zwei Dinge, die im Alltag ständig vermischt werden:
- Belastung ist das, was von aussen auf die Arbeitende einwirkt – Klassengrösse, Stundenplan, Unterbrechungen, Raumsituation, Zahl der Zusatzaufgaben, Qualität der Information.
- Beanspruchung ist das, was im Inneren daraus wird – abhängig von Erfahrung, Gesundheit, Lebenssituation, Bewältigungsstrategien. Dieselbe Belastung beansprucht zwei Menschen verschieden.
Daraus folgen zwei Präventionswege. Verhältnisprävention verändert die Arbeitsbedingungen und -abläufe. Verhaltensprävention verändert das Verhalten der Person, etwa durch Entspannungs- oder Stressmanagementtraining. Beide sind legitim – aber sie sind nicht austauschbar.
Der typische Fehler von Schulen: Sie antworten auf ein Verhältnisproblem mit einem Verhaltensangebot. Das Kollegium ertrinkt in Unterbrechungen, unklaren Zuständigkeiten und Sitzungen – und bekommt einen Achtsamkeitskurs. Das ist nicht wirkungslos, aber es adressiert die falsche Ebene und hinterlässt die Botschaft, das Problem liege bei den Betroffenen. Wer als Schulleitung wirken will, fängt bei den Verhältnissen an. Nur dort ist sie überhaupt zuständig.
Warum der Lehrberuf besonders anfällig ist
Zwei Strukturmerkmale erklären viel:
Begrenzte Responsivität. Unterrichten ist eine personenbezogene Dienstleistung, in der die Rückmeldung ausbleiben kann – Anstrengung führt nicht verlässlich zu sichtbarem Ertrag, und Dankbarkeit ist nicht geschuldet. Die Burnout-Forschung beschreibt diesen Zustand als mangelnde Reziprozität: Man gibt fortlaufend, ohne dass ein Ausgleich zurückkommt. Anders als beim Zeitdruck kann man diesen Faktor nicht wegorganisieren – aber man kann ihm im Kollegium etwas entgegensetzen, indem Wirkung überhaupt sichtbar gemacht wird.
Lose Kopplung. Schulen sind Expertenorganisationen; die Arbeit findet hinter geschlossenen Türen statt. Das schützt die Autonomie und isoliert zugleich. Wer nicht mehr kann, bemerkt es oft als Erster und sagt es als Letzter.
Wenn jemand vor dir zusammenbricht
Der Einzelfall zuerst, weil er die Frage ist, mit der Schulleitungen tatsächlich konfrontiert sind.
- Zeit geben und zuhören. Nicht sofort lösen, nicht relativieren («das geht allen so»), nicht mit eigenen Erfahrungen antworten.
- Sofort entlasten, was sofort entlastbar ist. Eine Aufsicht abnehmen, eine Sitzung erlassen, eine Frist verschieben. Diese kleinen Entscheidungen wirken stärker als jedes Konzept, weil sie zeigen, dass die Schilderung Folgen hat.
- Nicht diagnostizieren, nicht therapieren. Die Schulleitung ist Führungsperson, nicht Behandlerin. Sie benennt, was sie beobachtet, und verweist auf die zuständigen Stellen: Hausärztin, betriebliche Beratungsstelle, Supervision, kantonale Angebote für Lehrpersonen.
- Die Fürsorgepflicht ernst nehmen. Sie ist arbeitsrechtlich verbindlich und heisst konkret: Wer erkennbar überlastet ist, darf nicht weiter belastet werden, auch wenn er sich selbst dazu bereit erklärt.
- Vereinbaren und nachfassen. Was ändert sich bis wann, und wann sprechen wir wieder? Ein Gespräch ohne Termin für das nächste ist eine Verabschiedung, keine Führung.
- Bei Krankschreibung den Kontakt halten. Nicht kontrollierend, aber verlässlich – die Rückkehr wird dort vorbereitet, wo der Kontakt nie abgerissen ist.
Was strukturell wirkt
Das Basler Projekt «hot – help our teachers» zeigt beispielhaft, wie eine Schulbehörde die Verhältnisebene angeht: erst eine Sammelstelle für Rückmeldungen der Lehrkräfte, dann eine systematische Befragung, dann Arbeitsgruppen zur Massnahmenplanung, dann Umsetzung und Evaluation. Die ausgewerteten Meldungen ergaben vier Problemfelder, die an fast jeder Schule wiederkehren: gestiegene Anforderungen, nicht adäquate Regelungen im Schulsystem, mangelhafte Infrastruktur, knappe Zeitressourcen.
Auf Schulebene heisst das:
- Zusatzaufgaben sichtbar machen und begrenzen. Wer trägt was neben dem Unterricht? Ohne diese Übersicht wächst die Last immer bei denselben Personen.
- Sitzungsdisziplin. Weniger, kürzer, mit Entscheid statt mit Information. Sitzungen sind die am leichtesten reduzierbare Belastung überhaupt.
- Unterbrechungen reduzieren. Klare Zuständigkeiten und Erreichbarkeitszeiten senken die Zahl der Störungen – für das Kollegium wie für die Schulleitung selbst.
- Nicht alles gleichzeitig entwickeln. Die Zahl paralleler Vorhaben ist eine Belastungsgrösse ersten Ranges (siehe Kapazität für Entwicklung).
- Den Berufsauftrag als Steuerungsinstrument nutzen. Der definierte Berufsauftrag macht Arbeitszeit verhandelbar, statt sie unsichtbar wachsen zu lassen.
- Befragen und zurückmelden. Eine Erhebung ohne Rückmeldung der Ergebnisse und ohne sichtbare Massnahme richtet mehr Schaden an als keine Erhebung.
Personalgewinnung ist Personalbindung
Bei knappem Arbeitsmarkt verlagert sich der Wettbewerb von der Rekrutierung zur Bindung. Was eine Schule attraktiv macht, ist selten das Gehalt – das ist kantonal geregelt –, sondern das, was die Schulleitung tatsächlich beeinflusst: verlässliche Führung, klare Zuständigkeiten, planbare Arbeitszeit, ein Kollegium, das trägt, eine sorgfältige Einführung neuer Lehrpersonen und eine Kultur, in der Überlastung angesprochen werden darf, ohne dass es als Schwäche gilt.
Die Kehrseite lohnt den nüchternen Blick: Jede Kündigung, die aus Überlastung erfolgt, ist teurer als die Entlastung, die sie verhindert hätte – in Rekrutierungsaufwand, Einarbeitung, Beziehungsabbruch bei den Kindern und Belastung der Bleibenden. Personalbindung ist damit auch ökonomisch die günstigere Strategie, nicht nur die menschlichere.
Verbindungen
- Selbstführung in der pädagogischen Profession – die Verhaltensseite, die zur Verhältnisseite gehört, aber sie nicht ersetzt
- Supervision und Intervision – das Format, das Belastung bearbeitbar macht, ohne sie zu individualisieren
- Mitarbeitergespräch – der Ort, an dem Belastung regelmässig zur Sprache kommt, bevor sie eskaliert
- Personalführungskonzept – der Rahmen, in dem Einführung, Begleitung und Bindung geregelt werden
- Neu definierter Berufsauftrag – macht Arbeitszeit und Zusatzaufgaben verhandelbar
- Kapazität für Entwicklung – die Zahl gleichzeitiger Vorhaben als Belastungsgrösse
- Selbstführung der Schulleitung – dieselbe Frage für die Person, die entlasten soll
- Schulleitung und sonderpädagogische Massnahmen – Integration ist eine der am häufigsten genannten Belastungsquellen; die Antwort liegt in den Ressourcen, nicht in der Haltung
Literatur
- Krause, A., Schüpbach, H., Ulich, E. & Wülser, M. (Hrsg.) (2008). Arbeitsort Schule. Organisations- und arbeitspsychologische Perspektiven. Wiesbaden: Gabler. – Arbeitsort Schule*: Oesterreich, Kap. 2.3.2 f. (Belastung «von aussen» und Beanspruchung «im Inneren», Bezug zu Verhältnis- und Verhaltensprävention, S. 60 f.); Wülser, Kap. 4 (lose Kopplung, begrenzte Responsivität, mangelnde Reziprozität, ab S. 101); Paulus & Schumacher, Kap. 5 (gute gesunde Schule, ab S. 133); Inversini, Ulich & Wülser, Kap. 6 (Projekt «hot – help our teachers», Basel-Stadt, Phasen und Problemfelder, ab S. 159). Seitenangaben nach Inhaltsverzeichnis; der PDF-Offset dieses Bandes ist uneinheitlich (+4 bis +10) und erlaubt keine seitengenauen Pins.
- Warwas, J. (2012). Berufliches Selbstverständnis, Beanspruchung und Bewältigung in der Schulleitung. Wiesbaden: VS. https://doi.org/10.1007/978-3-531-19300-7 – Berufliches Selbstverständnis, Beanspruchung und Bewältigung*: dieselbe Frage für Schulleitungen selbst.
- Wolter, S. C., Albiez, J., Cattaneo, M. A., Denzler, S., Diem, A., Lüthi, S., Oggenfuss, C. & Schnorf, R. (2023). Bildungsbericht Schweiz 2023. Aarau: Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung [SKBF]. – bisherige
sourcedes Platzhalters; als Datenquelle zu Bestand und Rekrutierung weiterhin gültig, für die Belastungsforschung aber nicht einschlägig.
Verweise auf diese Seite
- Blockzeiten im Schweizer Bildungssystem Zettelkasten
- nBA (neu definierter Berufsauftrag) für Lehrpersonen Zettelkasten
- Pensenplanung und Personalpool Zettelkasten
- Personalentwicklung als Teil eines attraktiven Arbeitgeberprofils Zettelkasten
- Personalführungskonzept an der Schule Zettelkasten
- Supervision und Intervision Zettelkasten