Selbststeuerung vergrössert die Kluft: drei Zeugen

Eine These, die hier an drei Stellen steht, aus drei Richtungen, von Autoren, die sich sonst wenig zu sagen haben: Wer Selbststeuerung voraussetzt, statt sie aufzubauen, vergrössert die Kluft zwischen den Lernenden, die sie mitbringen, und denen, die sie bräuchten. Der Sozialpsychologe sagt es 1997 als Prognose, der Bildungsphilosoph 2013 und 2025 als Kritik, die Didaktiker als Regel. Dass sich die drei einig sind, macht die These nicht wahr, aber schwer zu ignorieren.

Erster Zeuge: Bandura 1997, empirisch

Albert Bandura beschreibt am Schluss seines Kapitels über kognitives Funktionieren, was die Informationstechnologie dem Lernen bringen wird: Zugang ohne Ort und Zeit, individualisiertes Lernen, «considerable control over their own education» (1997, S. 213). Dann die Bedingung und die Prognose in einem Atemzug: «If students are to make the most of these opportunities, they must develop the ability to regulate their own motivation and learning activities. Those who are most at risk of educational failures are likely to be the ones who are least prepared to use such instructional systems or who have limited access to them» – und, unabhängig vom Zugang: «Under self-managed instruction, the knowledge gap between wavering self-regulators and proficient self-regulators will widen, whatever their socioeconomic status might be» (S. 213 f.). Der Begründer der Selbstwirksamkeitstheorie sagt hier nicht, dass Selbstregulation schlecht sei – sie ist bei ihm das Ziel jeder Erziehung. Er sagt, sie sei eine Voraussetzung, die ungleich verteilt daherkomme, und dass Arrangements, die sie voraussetzten, die Verteilung verschärften. Deshalb sein Nachsatz: «Children can learn a lot from computer terminals, but they need human teachers to help build their sense of efficacy, to cultivate their aspirations, and to find meaning and direction in their pursuits» (S. 213).

Zweiter Zeuge: Reichenbach 2013 und 2025, bildungsphilosophisch

Roland Reichenbach kommt von der anderen Seite beim selben Befund an. 2013 beschreibt er die Doppelbödigkeit der Schule – die symmetrische Rhetorik über asymmetrische Verhältnisse – als etwas, das «zu erlernen und verstehen nicht allen gleich leicht fällt», ein Indikator «für privilegierte und weniger privilegierte Bildungskarrieren» (2013, S. 103); die «Geschicklichkeit im Umgang mit Lehr-Lern-Zumutungen» nennt er eine Variable, die das Entstehen von Bildungsungleichheiten erklären helfe (S. 124). Und gegen die Überredungsvokabeln vom eigenständigen, selbsttätigen, offenen Lernen hält er den Tatbestand, «wonach Lernen dennoch nur zu einem geringen Teil darin besteht, dass Menschen sogenannte ‹eigene› Erfahrungen machen» (S. 130). 2025 wird daraus die These, wem die Individualisierung nützt: Die Privilegierten «sind in jeder pädagogischen und didaktischen Welt privilegiert», die anderen brauchen «mehr Instruktion, kleinere Lernschritte, weniger ›Eigenverantwortung‹, mehr Kontrolle und viel mehr Ermutigung» (2025b, S. 45 f.) – mit dem empirischen Anker, dass im Wochenplanunterricht nur die Leistungsstarken ihr Niveau hielten, während die mittleren und schwachen Gruppen zurückfielen (S. 90), und mit der Folgerung, dass die Individualisierung des Lernens eine «Depersonalisierung» des Lehrens bedeutet, obwohl manche Kinder die Lehrperson viel nötiger haben als andere (S. 117 f., 129).

Dritter Zeuge: Dubs und Berner, didaktisch

Die Didaktiker formulieren dieselbe Einsicht als Regel, ohne Pathos. Rolf Dubs, zum Lernen mit ICT: «Der Lernerfolg ist grösser, wenn eine neue Kompetenz angeleitet wird und erst darauf aufbauend selbstgesteuert gelernt wird. Für schwächere Lernende und Kinder aus unteren sozialen Schichten sollte das angeleitete Lernen länger dauern» – und Grundfertigkeiten seien zu automatisieren, «denn ohne gesicherte Grundfertigkeiten scheitern spätere und anspruchsvollere Anwendungen immer wieder» (2019, S. 293). Berner, Isler und Weidinger beschreiben Selbstregulation nicht als Voraussetzung, sondern als Aufbauarbeit: Sie ruht auf exekutiven Funktionen, die geübt werden müssen, und auf Grundvoraussetzungen, die der Unterricht herstellt (2021, S. 48, 53 f.); adaptiv zu unterrichten heisst bei ihnen ausdrücklich nicht, Anforderungen zurückzunehmen (2024, S. 39), und Hatties Befund zur individuellen Förderung lesen sie so, dass ihre Wirkung nur als Teil anderer Effekte sichtbar wird (2024, S. 30). Was Bandura prognostiziert und Reichenbach anklagt, ist hier Handwerk: Anleitung vor Entdeckung, Routinen vor Freiheit, länger anleiten, wo weniger mitgebracht wird.

Wie sich die Zeugenaussagen decken

Vier Sätze, auf die sich die drei Richtungen bringen lassen:

  1. Selbstregulation ist ein Ziel des Unterrichts, nicht seine Eingangsbedingung.
  2. Arrangements, die sie voraussetzen – Wochenplan, Lernatelier, selbstgesteuertes Lernen mit dem Computer –, dienen denen, die sie mitbringen, und schaden denen, die sie bräuchten. Die Kluft wächst unabhängig von der Herkunft, und mit der Herkunft noch einmal.
  3. Der Faktor, der die Kluft schliesst, ist die Lehrperson: bei Bandura als Quelle von Wirksamkeit, Aspiration und Sinn, bei Reichenbach als Person mit Enthusiasmus, Zuversicht, Geduld und Heiterkeit, bei Dubs und Berner als die, die anleitet, übt und die Anforderungen hält.
  4. Die Digitalisierung ändert an dieser Logik nichts, sie vergrössert ihren Massstab. Bandura sah es 1997, Dubs schreibt es 2019, und der Leitmedienwechsel macht aus einer Frage der Methode eine Frage der Infrastruktur.

Für die Schulleitung

Die Übertragung ist eigene Anwendung. Vor jedem Konzept, das auf Selbststeuerung baut – Lernatelier, Wochenplan, SOL, Eins-zu-eins-Ausstattung –, gehören drei Prüffragen:

  1. Wird Selbstregulation hier aufgebaut oder vorausgesetzt?
  2. Für welche Kinder verlängert sich die angeleitete Phase, und wer entscheidet das?
  3. Wo ist in diesem Arrangement die Lehrperson – als Person, nicht als Begleitung?

Die Antwort steht nicht im Konzept, sondern in den Daten, die eine Schule ohnehin hat: Wer bleibt in den offenen Phasen sichtbar zurück, wer verschwindet in ihnen unauffällig? Das ist keine Absage an adaptiven Unterricht und nicht an selbstreguliertes Lernen – beide sind hier ausführlich beschrieben. Es ist die Reihenfolge, um die es geht.

Einordnung

Die drei Zeugen sind sich sonst nicht einig. Bandura ist Optimist Punkto Technologie und Selbstregulation, Reichenbach ist der Skeptiker, Dubs und Berner sind Pragmatiker mit dem Machbaren im Blick. Dass sie an dieser einen Stelle dasselbe sagen, ist das Argument. Gegen die These spricht, was der Beitrag zum selbstregulierten Lernen zeigt: Selbstregulation lässt sich lehren, und wo sie gelehrt wird, profitieren gerade die Schwächeren. Das widerlegt die Zeugen nicht, es bestätigt sie – die Kluft entsteht nicht durch Selbstregulation, sondern durch ihre Voraussetzung.

Verbindungen

Literatur