Glossar Sonderpädagogik und Sonderschulung in der Schweiz
Kurzrahmen
Die Begriffe der Sonderpädagogik sind in der Schweiz kantonal geregelt; Bezeichnungen und Zuständigkeiten variieren, auch wenn die Logik „Regelschule (einfache Massnahmen) → bei ungenügender Wirkung verstärkte Massnahmen/Sonderschulung“ weitgehend gemeinsam ist. Die Definition „verstärkte Massnahmen“ (lange Dauer/hohe Intensität/hoher Spezialisierungsgrad/einschneidende Konsequenzen) wird in der offiziellen Terminologie zur Sonderpädagogik festgehalten und dient als Orientierungsrahmen für viele kantonale Umsetzungen.
Glossar als Tabelle
| Begriff | Kurzdefinition | Einordnung / Verantwortung / typische Ressourcen (ZH/TG/BE/ZG) | Synonyme / Abkürzungen | Prioritäre Quelle (offiziell, deutsch) |
|---|---|---|---|---|
| ISR | Integrierte Sonderschulung in Verantwortung der Regelschule: verstärkte Massnahme (Sonderschulung), die in/mit der Regelklasse umgesetzt wird; die Regelschule führt das Setting. | ZH: klar als ISR/ISS unterschieden; Abklärung via Standortgespräch + schulpsychologische Abklärung (standardisiert) und behördlicher Zuweisungsentscheid; Ressourcen typischerweise SHP, ggf. Assistenz/weitere Fachpersonen und fachliche Begleitung/Support. TG/BE/ZG: Begriff „ISR“ i.d.R. nicht als offizieller Statusname verwendet (Funktionsäquivalente: InS/bVSA int./IS). | Integrierte Sonderschulung Regelschule; ISR | citeturn3view6 |
| ISS | Integrierte Sonderschulung in Verantwortung der Sonderschule: integratives Setting, aber Gesamtverantwortung liegt bei einer Sonderschule/Kompetenzzentrum (v.a. bei komplexen Bedürfnissen). | ZH: ISS für komplexe Beeinträchtigungen mit dauerhaft erforderlicher Spezialkompetenz; Ressourcen stärker über Sonderschule/Kompetenzzentrum geführt. ZG/BE/TG: ähnliche Kompetenzzentrum-Logiken möglich, aber Begriff „ISS“ nicht überall gebräuchlich. | Integrierte Sonderschulung Sonderschule; ISS | citeturn3view6 |
| IS | Integrative Sonderschulung: verstärkte Massnahme, die wohnortsnah in der Regelschule durchgeführt wird (mit definiertem Setting und Zuständigkeiten). | ZG: IS ist Standardbegriff; SHP trägt Förderverantwortung (Förderplanung, konkrete Förderung etc.); zusätzliche Massnahmen „über SHP hinaus“ (z. B. Assistenz) sind gesondert auszuweisen; je nach Setting Kosten-/Pauschalenlogik, Entlastung für Lehrpersonen vorgesehen. ZH: entspricht funktional integrierter Sonderschulung (ISR/ISS). TG: entspricht InS. BE: entspricht bVSA int. | Integrative Sonderschulung; IS | citeturn33view2 |
| InS | Integrative Sonderschulung (kantonale Bezeichnung/Abkürzung v.a. in TG-Praxis): Sonderschuldurchführung integrativ statt separativ. | TG: Amt stellt Sonderschulbedarf fest und entscheidet integrativ/separativ sowie Dauer/Finanzierung; Schulgemeinde muss integrativer Durchführung zustimmen und schliesst i. d. R. Begleitvereinbarung mit anerkannter Sonderschule. ZH/BE/ZG: andere Terminologie (ISR/ISS, bVSA int., IS). Ressourcen typischerweise SHP + Begleitung/Support Sonderschule, ggf. Therapien/weitere Fachpersonen (konkrete Stundenhöhen: oft kantonal/settingbezogen). | Integrative Sonderschulung; InS | citeturn13view0 |
| IF | Integrative Förderung: Unterstützung im Rahmen der Regelschule ohne Sonderschulstatus (typischerweise Teil des „Regelschulangebots“/Grundangebots). | ZH: IF als Kategorie sonderpädagogischer Massnahmen; Unterstützung durch Förder- und Regellehrpersonen. BE: entspricht „einfache sonderpädagogische Massnahmen“ im Regelschulangebot (über Lektionenpool). ZG: unter „Besondere Förderung“/integrative Förderung (nicht gleich Sonderschulung). TG: IF/Grundangebot in Förderkonzepten, nicht identisch mit InS. | Integrative Förderung; IF | citeturn24search2 |
| bVSA | „Besonderes Volksschulangebot“ (BE): Angebot für Schüler/innen mit Bedarf an verstärkten sonderpädagogischen Massnahmen; kann separativ oder integrativ umgesetzt werden. | BE: bVSA int. = integrativ in Regelschule mit geeigneten Unterstützungsmassnahmen (inkl. B&U-Angeboten); Zuweisung erfolgt per Verfügung des Schulinspektorats nach Abklärung/Prüfung. ZH/TG/ZG: Äquivalente: integrierte Sonderschulung (ISR/ISS, InS, IS). | besonderes Volksschulangebot; bVSA; bVSA int./sep. | citeturn22view5 |
| Sonderschulung | Verstärkte sonderpädagogische Massnahme für Kinder/Jugendliche mit dauerhaft besonderem Bildungsbedarf aufgrund einer Beeinträchtigung; umfasst je nach Kanton Unterricht plus weitere Leistungen (z. B. Therapie/Betreuung). | ZH: Sonderschulung als Oberbegriff; kann integriert (ISR/ISS) oder separativ erfolgen. TG: Sonderschulung umfasst praktische/theoretische Förderung; Amt entscheidet über Massnahmen. BE: Sonderschulung/sonderpädagogische Massnahmen in SPMV; integrative Form am Aufenthaltsort. ZG: Sonderschulung separativ oder integrativ (IS) je nach Bedarf. | Sonderschule (als Institution) vs. Sonderschulung (als Massnahme) | citeturn12search19 |
| verstärkte Massnahmen | Kategorie von Massnahmen, über die nach Ermittlung des individuellen Bedarfs entschieden wird, wenn vorgängige Massnahmen ungenügend sind; charakterisiert durch lange Dauer/hohe Intensität/hohen Spezialisierungsgrad und/oder einschneidende Konsequenzen. | ZH/TG/BE/ZG: Sonderschulung/IS/InS/bVSA int. sind typischerweise „verstärkte Massnahmen“ (formalisierter Entscheid/Verfügung, Setting, Berichtswesen). | reinforced measures; „VM“ (in internen Doks) | citeturn33view6 |
| einfache Massnahmen | Niederschwellige sonderpädagogische und unterstützende Massnahmen im Regelschulangebot (ohne Sonderschulstatus), die häufig über Pools/Grundangebot gesteuert werden. | BE: explizit als „einfache sonderpädagogische und unterstützende Massnahmen“ im Regelschulangebot geregelt; Finanzierung/Steuerung über Lektionenpool pro Gemeinde. ZH/ZG/TG: vergleichbare Grund-/Regelschulangebote, aber Terminologie und Steuerung variieren. | einfache sonderpädagogische Massnahmen; „Regelschulangebot“ | citeturn20view3 |
| SHP | Schulische Heilpädagogin / Schulischer Heilpädagoge: sonderpädagogische Fachperson, die Förderplanung und Förderung (oft inkl. Beratung/Koordination) verantwortet. | ZG: SHP trägt die Förderverantwortung in IS-Settings (interdisziplinäre Förderplanung, konkrete Förderung etc.). ZH/TG/BE: SHP zentral in integrativen Settings (ISR/InS/bVSA int.), oft in Teamteaching und Koordination mit Klassenlehrperson. | SHP; schulische Heilpädagogik | citeturn33view2 |
| SPD | Schulpsychologischer Dienst. Fachstelle für schulpsychologische Abklärungen, Beratung und Beurteilung; liefert häufig die Grundlage für Entscheide über verstärkte Massnahmen. | ZG: SPD ist (ab Eintritt in gemeindliche Schule) zuständig für Abklärung, Gesamtbeurteilung und Antragstellung im Sonderschulverfahren. ZH/TG/BE: analoge Rolle (Bezeichnungen variieren: SPD/Erziehungsberatung/Schulpsychologie). | SPD (häufig); Schulpsychologie | citeturn15search0 |
| Verfügung / Zuweisung | Formeller Verwaltungsentscheid über Status/Schulungsform/Leistungen (z. B. Zuweisung in bVSA oder integrative Sonderschulung); schafft Rechte/Pflichten, i.d.R. mit Rechtsmittelbelehrung. | BE: Schulinspektorat verfügt nach Prüfung die Zuweisung zum besonderen Volksschulangebot. TG: Amt entscheidet über Sonderschulbedarf und integrativ/separativ sowie Finanzierung. ZH: Schulpflege zuständig für die Sonderschulungszuweisung. ZG: Wohnsitzgemeinde entscheidet über Zuweisung unter Kenntnis von SPD-Antrag und kantonalem Mitfinanzierungsentscheid. | Verfügung; Zuweisungsentscheid; (teilw.) „Amtsentscheid“ | citeturn22view4 |
| Förderbericht | Standardisierter Bericht zur Umsetzung/Wirksamkeit der Massnahme (Ziele, Fortschritt, nächste Schritte); dient der Steuerung und Verlängerungs-/Überprüfungsentscheiden. | TG: jährliche Berichterstattung ans Amt mit kantonalem Formular „Förderbericht“. BE/ZH/ZG: vergleichbare Reporting-/Standort- und Verlängerungslogiken, aber Formularnamen variieren (unspecified, wenn nur lokal geregelt). | Förderbericht; Jahresbericht (teilw.); Berichtswesen | citeturn13view0 |
| Teamteaching | Gemeinsame Unterrichtsführung/-planung zweier (oder mehr) Fachpersonen in derselben Klasse (z. B. Klassenlehrperson + SHP), um Differenzierung und Unterstützung im Unterricht zu ermöglichen. | BE: im Kontext besonderer Massnahmen wird „Co-Teaching“ als Massnahme genannt (entspricht Teamteaching). ZH/ZG/TG: Teamteaching als typische Ressourcennutzungsform in integrativen Settings (Ausgestaltung lokal/settingbezogen). | Teamteaching; Co-Teaching | citeturn14search21 |
| Assistenz | Zusätzliche unterstützende Person im Unterricht/Schulalltag (nicht zwingend Lehrperson), z. B. zur Strukturierung, Begleitung, Entlastung bei hohem Unterstützungsbedarf. | ZG: Assistenz ist Beispiel für Massnahmen, die „über SHP hinausgehen“; muss ausgewiesen werden; Anstellung durch Schule, mit definierten Kostenlogiken in bestimmten Fällen. ZH/TG/BE: Assistenz häufig als Settingbestandteil möglich; Finanzierung/Regelung kantonal/kommunal unterschiedlich (unspecified für einheitliche CH-Definition). | Klassenassistenz; Schulassistenz; UA (teilw.) | citeturn33view2 |
| Pensenpool | Steuerungsinstrument, das die zahlbaren Stellenprozente/Stellen (Pensen) für bestimmte Angebote/Ressourcen als „Pool“ festlegt, aus dem zugeteilt wird (nicht identisch mit Lektionenpool). | ZH (Finanzierung Sonderschulen): Zahl beitragsberechtigter Stellen wird im Rahmen des Pensenpools festgelegt (v.a. für Finanzierung/Beitragslogik von Sonderschulen). BE: eher Lektionenpool für Regelschulangebot; Pensenpool-Begriff nicht zentral. ZG/TG: oft Pauschalen/Leistungsvereinbarungen bzw. Amtsentscheide (Begriff „Pensenpool“: kantonal unterschiedlich genutzt). | Pensenpool; Stellenpool | citeturn19search3 |
| Lektionenpool | Zuteilungs- und Steuerungsmechanismus: Eine Behörde weist einer Gemeinde/Schule ein Kontingent an Unterrichtslektionen (Stunden) zu, das für definierte Massnahmen genutzt werden muss. | BE: AKVB teilt Gemeinden Mittel in Form eines Lektionenpools zu (u. a. für einfache sonderpädagogische Massnahmen); Pool wird nach Formel berechnet und kann bei Bedarf angepasst werden. ZH/TG/ZG: vergleichbare Pool-/Kontingentsysteme existieren, heissen aber teils anders (Pensenpool, Zeiteinheiten, Pauschalen) und sind unterschiedlich rechtlich gefasst. | Lektionenpool; Stundenpool; Ressourcenpool | citeturn20view3 |
Lektionenpool kurz erklärt
Ein Lektionenpool ist wie ein „Zeitbudget“ in Wochenlektionen: Der Kanton (oder eine kantonale Stelle) teilt einer Gemeinde/Schule eine bestimmte Anzahl Lektionen zu, die für definierte Förder-/Unterstützungsaufgaben eingesetzt werden müssen. Wichtig: Ein Lektionenpool ist nicht automatisch an ein einzelnes Kind gebunden, sondern meist ein kommunales/standortbezogenes Kontingent, aus dem die Schule je nach Bedarf Massnahmen organisiert. Das Gegenstück ist oft eine kindbezogene Verfügung bei verstärkten Massnahmen (z. B. IS/ISR/InS/bVSA int.), die ein individuelles Setting mit spezifischen Ressourcen auslöst.
Verbindungen
- Multiprofessionalität – konzeptuelle Grundlagen – die Begriffe konstituieren das Vokabular multiprofessioneller Sonderpädagogik
- Integration und Inklusion – die zentrale konzeptuelle Achse, die das Glossar durchzieht
- Inklusion und Schulentwicklung – das Glossar liefert die Sprache für inklusive Schulentwicklung
- Förderansätze in der Schule – viele Glossar-Begriffe beschreiben konkrete Förderansätze
- Inklusive Didaktik: innere Differenzierung – didaktische Konkretion der Glossar-Konzepte
- Multiprofessionelle Teams – die Begriffe beschreiben Rollen und Funktionen in MP-Teams
Verweise auf diese Seite
- Begabungs- und Begabtenförderung (BBF) Zettelkasten
- Das Unterstützungssystem der Volksschule – wer macht was Zettelkasten
- Förderansätze in der Schule Zettelkasten
- Glossar – Schulraum Glossar
- Integration und Inklusion – Begriffsklärung Zettelkasten
- Kanton St. Gallen Glossar
- Kanton Thurgau Glossar
- Kanton Zürich Glossar
- Klassenbildung in der Volksschule Zettelkasten
- Lese-Rechtschreib-Störung (LRS) Zettelkasten
- Multiprofessionalität – konzeptuelle Grundlagen Zettelkasten
- NFA-Übergang 2008 und die Kantonalisierung der Sonderpädagogik Zettelkasten
- Schulleitung und sonderpädagogische Massnahmen Zettelkasten
- Schulraumplanung in der Schweizer Volksschule Zettelkasten
- Von der Auffälligkeit zur Massnahme – das sonderpädagogische Zuweisungsverfahren Zettelkasten
- VSG-Totalrevision St. Gallen 2026 Zettelkasten
- Weiche Schulische Heilpädagogik ↔ Schulsozialarbeit Zettelkasten