Hans-Günter Rolff
Deutscher Erziehungswissenschaftler, geboren 1939, seit 1970 Professor an der Pädagogischen Hochschule Ruhr, dann an der Universität Dortmund; gründete 1973 das Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) und leitete es bis 2005. Mitgründer der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule (1969), Gründer der Deutschen Akademie für Pädagogische Führungskräfte (DAPF), Mitglied der Bildungskommission Nordrhein-Westfalen und zwölf Jahre Vorsitzender der Dortmunder Bildungskommission. 1990 das erste deutschsprachige Buch zu Schulentwicklung in Theorie und Praxis publiziert (zusammen mit Per Dalin). Hat das Fach geprägt wie kein Zweiter im deutschen Sprachraum.
Wer in einer Sitzung «Rolff» sagt, meint Schulentwicklung als Fach: die Begriffe, mit denen eine Schule über ihre eigene Entwicklung spricht – Organisations-, Unterrichts- und Personalentwicklung, Steuergruppe, Schulprogramm, Implementation. Und er meint meist ein bestimmtes Buch: das schmale Schulentwicklung kompakt oder eines der Debus-Bändchen «auf den Punkt gebracht», die auf fünfzig Seiten sagen, was andere auf fünfhundert sagen.
Wofür der Name steht
Das Drei-Wege-Modell. Rolffs Grundfigur seit den neunziger Jahren: Schulentwicklung ist das Zusammenspiel von Organisationsentwicklung, Unterrichtsentwicklung und Personalentwicklung, keine Reihenfolge, sondern «ein zu verknüpfendes Miteinander zentraler Prozesse» – und der erste Satz dazu lautet: «Man kann eine Schule nicht allein weiterentwickeln» (Rolff et al. 2022, S. 20). Gegen die Mode, dem Modell einen vierten oder fünften Weg anzufügen, hält er am Dreieck fest und integriert das Neue, etwa die Digitalisierung, in die drei Wege. → Drei-Wege-Modell, Stimmgabel-Modell, Unterrichtsentwicklung
Implementation statt Steuerungsillusion. Der Satz, der sein Spätwerk trägt: «Es gibt so gut wie keine 1:1-Implementation im Bildungsbereich» (Rolff 2023a, S. 13). Reformen scheitern nicht am Ziel, sondern an der Umsetzung – «Mehr als das Ziel entscheidet die Implementation über das Ergebnis» (S. 115) –, und die Umsetzung gelingt nur, wenn die Schulen das Neue nacherfinden dürfen. Daraus folgen die Kapazität für Entwicklung als Metalösung und die Rollende Planung als Verfahren: «Gestaltung und Steuerung sind und bleiben Lernprozesse» (S. 150). → Implementation, Kapazität für Entwicklung, Rollende Planung, Zug vor Druck
Leitung als Innenarchitektur. «Keine gute Schule ohne gute Schulleitung» (Rolff 2023a, S. 190) – aber die Schulleitung kann nicht allein leiten. Rolff denkt Führung als Bau einer Binnenstruktur: Steuergruppe, Erweiterte Schulleitung, mittlere Führungskräfte, Fachgruppen als «schlafende Riesen», Zielvereinbarungen statt Zielvorgaben, und darüber die Führungsspanne als harte Grenze. → Mittleres Management, Zielvereinbarung und Zielvorgabe, Steuergruppen, Leadership und Management
Ganzheit statt Stückwerk. «Die Wirkung liegt im Zusammenwirken, in der Ganzheit» (Rolff 2023a, S. 14). Das Alterswerk gibt dem Prinzip ein Wort – Komprehension: Vollständigkeit, Kohärenz, Vernetzung – und eine Diagnose: «Es wird zu viel gesteuert und zu wenig gestaltet» (S. 88). Dazu gehört die Einsicht, dass Wissenschaftswissen und Handlungswissen nicht ineinander übergehen, sondern nebeneinanderstehen, und dass Daten nicht aus sich selbst sprechen. → Komprehension, Duplexstruktur und Juxtaposition, Educational Governance
Wie der Name hier fällt
Fünfunddreissig Beiträge nennen Rolff; zehn tragen ihn im Kern – die Rolff-Reihe vom September 2026, entstanden aus der Volltextlektüre von fünf Bänden. Drei Verwendungen:
- Als Systematiker. Wo ein Beitrag Schulentwicklung ordnet – die drei Wege, die zehn Komponenten der Kapazität, die Aufgaben der Steuergruppe, das Verhältnis von Führung, Management und Steuerung –, ist Rolff das Raster, in das die Schweizer Instrumente eingetragen werden: Schulprogramm und Jahresplanung, Qualitätskonzept, Q2E-Feedback, Audit.
- Als Kronzeuge gegen die Steuerungsillusion. In Beiträgen zu Governance, Implementation und Change Management steht Rolff für die Position, dass Bildungsakteure sich nicht von aussen verändern lassen und Druck billig, aber wirkungslos ist: «Weniger Stückwerk und Druck und mehr Ganzheit und Unterstützung!» (Rolff 2023a, S. 96). Für eine Schulleitung ist das die Rückendeckung gegenüber Behörden – und die Warnung an sich selbst.
- Als Lehrstück für Quellentreue. Rolff zitiert grosszügig, und wer ihn zitiert, erbt seine Unschärfen. Der bekannteste Fall im Korpus: Seine Berufung auf das LCH-Berufsleitbild – Lehrpersonen seien «Experten für Lernen», «so steht es wörtlich im Berufsleitbild» – ist eine Paraphrase; wörtlich steht es in keiner Fassung (LCH-Berufsleitbild). Dazu kommen Senges Gesetz «Schneller ist langsamer», das bei Rolff umgekehrt als «Langsam ist schneller» erscheint, und Belege wie «Rolff 1970», die in seinem Literaturverzeichnis fehlen. Die Regel daraus: Rolff für die Systematik nutzen, seine Belege am Original prüfen.
Was nicht von Rolff stammt. Die Unterscheidung von Druck und Zug ist von Miles (1964), «Zug vor Druck» als Strategie von Edwin Radnitzky, der die österreichischen Initiativen SQA und EBIS verantwortete. «Nacherfindung» ist Kussaus Begriff (2007), «Mutual adaptation» stammt aus der RAND-Studie der siebziger Jahre, «Capacity for Change» von Michael Fullan – Rolff übersetzt bewusst mit «Kapazität für Entwicklung». Die Professionelle Lerngemeinschaft ist ein nordamerikanisches Konzept, das Rolff in die deutschsprachige Schulentwicklung geholt hat, und das Stimmgabel-Modell hat Anna Wenzl mitgeschrieben. Rolffs eigene Prägungen sind das Drei-Wege-Modell, der Institutionelle Schulentwicklungsprozess mit Dalin, das Stimmgabel-Modell, die Komprehension und – nach eigenem Anspruch seit 1970 – die Rollende Planung.
Was im Korpus liegt. Neun Werke: Schulentwicklung als Trias (2010, Aufsatz), das Handbuch Unterrichtsentwicklung (2015, als Herausgeber), Schulleitung auf den Punkt gebracht (2017), Schulentwicklung auf den Punkt gebracht (2019), Implementation auf den Punkt gebracht (2022, mit Cornelia Stern und Edwin Radnitzky), das Handbuch Lernen mit digitalen Medien (2022, mit Gerold Brägger als Herausgeber), Komprehensive Bildungsreform (2023), Schulentwicklung kompakt in der vierten Auflage (2023) und Digital gestütztes Lernen (2023, mit Ulrich Thünken). Fünf davon sind im Volltext gelesen und in Literaturnotizen erschlossen; die beiden Handbücher sind erst strukturell erfasst.
In der Liste Hundert Bücher für Schulleitungen steht Schulleitung auf den Punkt gebracht auf Rang 3; sieben weitere Bände von und mit Rolff folgen zwischen Rang 30 und 59.
Verbindungen
- Drei-Wege-Modell der Schulentwicklung – Rolffs Grundfigur und seine Absage an weitere Wege.
- Implementation von Reformen und Innovationen – Steuerungsillusion, Nacherfindung, Prozessimplementation.
- Kapazität für Entwicklung – die Metalösung mit zehn Komponenten und dem Diagnoserad.
- Rollende Planung – Rolffs Verfahren für Ziele in unbekannter Zukunft, mit Senges umgekehrtem Gesetz.
- Stimmgabel-Modell der Schulentwicklung – institutionelle und mentale Zinke; «Institutionen kann und soll man verändern, Menschen nicht».
- Mittleres Management und Erweiterte Schulleitung – Innenarchitektur, Statuslücke, Führungsspanne.
- Zielvereinbarung und Zielvorgabe – der schmale Grat, Führungsspanne 1:100, Erstformulierung durch die hierarchieniedere Person.
- Komprehension – Ganzheit statt Stückwerk – das Alterswerk in einem Begriff, mit den zehn Komponenten und dem Grossen Haus.
- Duplexstruktur und Juxtaposition – Oberfläche und Tiefe der Schule, Wissenschaft und Praxis nebeneinander.
- Zug vor Druck – Radnitzkys österreichisches Fallbeispiel, das Rolff als Beleg druckt.
- Steuergruppen als Schulentwicklungsmotor – Mandat, Prozessentscheidungen, Auflösung in die Formalstruktur.
- LCH-Berufsleitbild – die Zitierfalle «Experten für Lernen».
- Schule als lernende Organisation – Rolffs finnisches Beispiel und die Lernende Schule als Ziel.
- Hundert Bücher für Schulleitungen – Rang 3 und sieben weitere Ränge.
Literatur
- Rolff, H. G. (2023a). Komprehensive Bildungsreform. Wie ein qualitätsorientiertes Gesamtsystem entwickelt werden kann. Weinheim: Beltz Juventa. – 1:1-Implementation und Leitsatz der Ganzheit (S. 13 f.); Dortmunder Bildungskommission und «zu viel gesteuert» (S. 88); Druck und Unterstützung (S. 96); Implementation entscheidet (S. 115); Lernprozesse (S. 150); Schulleitung und «schlafende Riesen» (S. 190, 192); Druckseite = PDF-Seite − 1
- Rolff, H. G. (2023b). Schulentwicklung kompakt. Modelle, Instrumente, Perspektiven (4., vollst. aktual. u. erw. Aufl.). Weinheim: Beltz. – Stimmgabel-Modell und «Institutionen kann und soll man verändern, Menschen nicht» (S. 23–27); Komprehension (S. 171); Innenarchitektur (S. 202–204)
- Rolff, H. G., Stern, C. & Radnitzky, E. (2022). Implementation auf den Punkt gebracht. Frankfurt am Main: Debus Pädagogik. https://doi.org/10.46499/1842 – Drei-Wege-Modell und «Man kann eine Schule nicht allein weiterentwickeln» (S. 20–22); Radnitzkys Kapitel 5 (S. 52–70)
Verweise auf diese Seite
- Angelsächsische Schulleitungsansätze – Übersicht Zettelkasten
- Change Management und Organisationsentwicklung Zettelkasten
- Die 4 Bewegungen schulischer Führung Zettelkasten
- Die Schulentwicklungsinsel Zettelkasten
- Drei Konzepte, ein Ziel: Organisationen bewusst weiterentwickeln Zettelkasten
- Duplexstruktur und Juxtaposition: warum Schulentwicklung in die Tiefe gehen muss Zettelkasten
- Implementation von Reformen und Innovationen: Warum die Umsetzung das Ergebnis dominiert Zettelkasten
- Instructional Leadership nach Hallinger und Hattie Zettelkasten
- Kapazität für Entwicklung: die zehn Komponenten und das Diagnoserad Zettelkasten
- Komprehension: Ganzheit statt Stückwerk Zettelkasten
- LCH-Berufsleitbild – Grundgedanke Zettelkasten
- Mittleres Management und Erweiterte Schulleitung Zettelkasten
- PDCA-Zyklus (Deming-Kreis) Zettelkasten
- Rolffs Drei- (bis Vier-)Wege-Modell der Schulentwicklung Zettelkasten
- Rollende Planung: Langsam ist schneller Zettelkasten
- Schulkultur als Gegenstand der Schulleitungs-Arbeit Zettelkasten
- Schulleitung Zettelkasten
- Servant-Haltung und Instructional-Praxis – die Doppel-Architektur Zettelkasten
- Stimmgabel-Modell der Schulentwicklung Zettelkasten
- Transformational vs. Servant Leadership im Schulkontext Zettelkasten
- Zielvereinbarung und Zielvorgabe: der schmale Grat Zettelkasten
- Zug vor Druck: die Strategie des Überzeugens Zettelkasten